Besser als 1000 Worte.

6 March 2019 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Geschlechterungerechtigkeit, nachhaltig, umfassend[1].

Günther Lanier, Ouagadougou 6.3.2019.

Übermorgen ist 8. März, Internationaler Frauentag.

 [2]

Das Bild ist von Adrien Folly-Notsron – er signiert als KənAd oder KanAd. Auf LinkedIn bezeichnet er sich als Illustrator, Comics-Autor, Grafiker. Er ist aus Togo, wurde 1983 in Lomé geboren. Seit Dezember 2007 ist er directeur artistique, also künstlerischer Direktor, von AGO Média in Lomé.

Merci beaucoup, Adrien, für die Rechte an dieser Karikatur![3] Dass sie zehn Jahre alt ist, macht sie um nichts weniger wahr. Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte.

Die hier dargestellten vielfältigen Zuständigkeiten und Arbeiten der Afrikanerin (für eine Europäerin wäre es nicht viel anders) konzentrieren sich aufs Reproduktive: Kochen, Waschen, Kindergroßziehen, Kranken und Alten-Pflege[4]. Das sind Aufgaben, die auch in den modernsten Ökonomien aus dem formellen Sektor weitgehend ausgeklammert bleiben, Arbeit, die nicht zu Ware gemacht wurde. Und dieser fürs kurz- und langfristige, fürs individuelle und auch gesellschaftliche Überleben so essentielle Bereich obliegt ganz “natürlich“ den Frauen – Anhängsel ihrer Gebärfähigkeit, sozusagen.

Es soll darob allerdings nicht vergessen werden, dass der Beitrag der Frauen zur Produktion auch erheblich, wenn nicht sogar dominant ist. Einer der sieben Arme der karikierten Frau hält eine daba, das Standard-Gerät der westafrikanischen Landwirtschaft – Querbeil ist der im Deutschen wenig übliche Fachausdruck.

Was Burkina betrifft, wird der Beitrag der Frauen zum Bruttoinlandsprodukt, also zur gesamtwirtschaftlichen Produktion, auf 70% geschätzt. Ihr Anteil an der landwirtschaftlichen Produktion soll bei 80% liegen.

Reich werden die Frauen von all dieser Arbeit nicht. Nicht einmal Anerkennung “ernten“ sie. Macht schon gar nicht. Weil die gehört den Männern – genauso “natürlich“ wie die Reproduktion Sache der Frauen ist.

Aufruf zum Streik

In Burkina ist der 8. März Feiertag. In den Jahren der Revolution[5] mussten an diesem Tag die Männer am Markt einkaufen und sich um den Haushalt kümmern. Davon ist nur mehr wenig übriggeblieben. Aber immerhin wird an einem von dreihundertfünfundsechzig Tagen die Frau “geehrt“ und es wird fast von ihr erwartet, dass sie ihre vielfältigen Pflichten ruhen lässt und einmal über die Stränge schlägt.

Doch warum lassen sich die Frauen das restliche Jahr über bieten, was die Männer tun und nicht tun? Lieben sie uns wirklich so sehr?

Die Zeit ist überreif für einen Streik. Sollen die Männer doch schauen, wo sie bleiben, wenn die Frauen koordiniert und weltweit ab dem 9. März alle Arbeit ruhen lassen!

[6]

Indien weist den vielarmigen Frauen einen radikaleren Weg. Die Göttin Durga wird mit vier, sechs oder acht Armen dargestellt, manchmal auch mit zehn, achtzehn oder zwanzig. Und diese Arme halten typischerweise Waffen. Auf einer Vielzahl von Darstellungen hat diese Große Göttin gerade den Büffeldämon Mahishasura überwunden – männliche Götter konnten das nicht.

Durga ist auf diesem Gemälde hellblau dargestellt – die Farbe hinduistischer GöttInnen. Doch Durga ist in Wirklichkeit ebenso schwarz[7] wie ursprünglich alle InderInnen. Ihr verbreitetster Beiname ist Kali, das bedeutet “die Schwarze“.

Hier liegt ihr Shiva zu Füßen und betet sie an:

 [8]

Nur selten sind sich schwarze Frauen ihrer Macht bewusst.

Doch wie lange werden sie noch das Spiel der Männer mitspielen?

 [9]

Dann Gnade uns die Göttin!

 

Endnoten:

[1] Über’s Kulturelle, auf das Streeruwitz ihre hier paraphrasierte Analyse beschränkt, geht diese Ungerechtigkeit freilich weit hinaus: “(…) ist unsere kulturelle Geschlechterungerechtigkeit durchaus nachhaltig und umfassend zu nennen“, aus: Marlene Streeruwitz, Was Frauen sind und wie sie leben sollen. Essay, Standard 5.3.2019, https://derstandard.at/2000098782878/Was-Frauen-sind-und-wie-sie-leben-sollen.

[2] Die Karikatur hat meines Wissens keinen Titel. In Schwarz-weiß transformiert von GL. Färbiges Original siehe unten.

[3] Merci auch an Ulrich Burggraf von der Partnerschaft Piela-Bad Münstereifel e.V. (http://piela-cuofi.de/), der mir diese Karikatur zukommen hat lassen.

[4] Am afrikanischen Land kommt noch Holzsammeln und (nicht dargestellt) Wasserholen dazu.

[5] 1983-87.

[6] Durga triumphiert über Mahishasura. Gemälde. Foto GL 17.9.2011, färbiges Original siehe unten.

[7] Bevor meine liebe Lisa Fischer nach Indien fuhr, fragte sie mich, was sie mir mitbringen könnte. Ich wünschte mir eine Kali. Der Maler, den sie dann auf ihren indischen Reisen beauftragte, weigert sich, sie schwarz darzustellen – das sei zu unheilvoll. So wurde “die Schwarze“ hellblau.

[8] Die Göttin Kali tanzt auf Shiva, Iconographic Collections, Wellcome Images, https://en.wikipedia.org/wiki/File:Goddess_Kali_dancing_on_Shiva._Wellcome_L0043631.jpg.

[9] Tröma Nakmo (“Schwarze zornige Mutter”), eine tibetanische buddhistische Kali, Ausschnitt eines Gemäldes von Machig Labdron, 19. Jhdt, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Troma_Nagmo_closeup.jpg.



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