Habt Mitleid mit Abdelaziz!

13 March 2019 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Oder: Stephen Hawking for Algerian President!

Günther Lanier, Ouagadougou 13.3.2019.

Trauerspiel? Komödie? Seit fast sechs Jahren ist die algerische Staatsspitze hohl. Bei genauerer Betrachtung ist nicht so ungewöhnlich, was da passiert: Ein Klüngel will von der Macht nicht lassen und instrumentalisiert zu diesem Zweck eine Galionsfigur, weil es an gleichwertigem Ersatz fehlt.

Doch es schaut ganz so aus, als wäre in Algerien der Bogen überspannt worden. Der Appeal des einstigen Freiheitskämpfers und Revolutionärs, dem es um die Jahrtausendwende gelang, das Land zu befrieden, hat sich erschöpft.

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Als Stephen Hawking 1942 in Oxford das Licht der Welt erblickte, war Abdelaziz Bouteflika knapp fünf Jahre alt. Beide traten in den 1960er Jahren ans Licht der Öffentlichkeit, der erste mit Arbeiten zur Relativitätstheorie und Kosmologie, der zweite als Minister[2] Ahmed Ben Bellas bzw. Houari Boumediennes[3].

Bouteflika musste dann abtauchen – er soll 60 Millionen Francs abgezweigt haben[4] und zog es vor, ins Exil zu gehen. Ende der 1980er Jahre gab ihm das brutale Vorgehen der algerischen Armee gegen DemonstrantInnen Gelegenheit, sein Comeback zu lancieren – 1988 schrieb er einen offenen Brief, im Jahr darauf wurde er ins Zentralkomitee der FLN[5] gewählt, zehn Jahre später wurde er zum Staatschef gewählt.

1988 erschien auch “Eine kurze Geschichte der Zeit“, das populärwissenschaftliche Buch, das Stephen Hawking weltberühmt machte. Um die Entstehung des Universums ging es in diesem Bestseller, um Schwarze Löcher und vieles andere mehr.

Zu dem Zeitpunkt war beim Star-Astrophysiker seit langem Amyotrophe Lateralsklerose diagnostiziert worden, seit 1968 war er zur Fortbewegung auf einen Rollstuhl angewiesen, seit 1985 konnte er nicht mehr reden, brauchte zum Kommunizieren einen Sprachcomputer.

Abdelaziz Bouteflika ist erst seit einem Schlaganfall im April 2013 auf einen Rollstuhl angewiesen. Es besteht dringender Verdacht, dass er heute nicht nur nicht handeln, sondern auch nicht sprechen und vielleicht auch nicht mehr denken kann. Die Staatsgeschäfte werden in seinem Namen weitergeführt – dafür genügte es lange Zeit, dass er am Leben war.

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Es scheint ganz so, als wäre Algerien in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre seine Seele abhandengekommen. Die hehren Ideale hatten ausgedient, Machterhalt der etablierten Eliten war angesagt. Als der FLN 1991/92 bei den Wahlen der Untergang drohte, putschte das Militär, verhinderte so zwar den Triumph der islamistischen FIS[7], provozierte jedoch einen Bürgerkrieg, der beiderseits äußerst brutal geführt wurde – in den 1990er Jahren sollen um die 100.000 umgekommen sein[8]. Aus dem Schlamassel gelang unter dem 1999 zum Staatspräsidenten gewählten Bouteflika schließlich doch eine Rückkehr zu Frieden und Normalität, auch wenn ein Grundgefühl politischen Unwohlseins hartnäckig fortbestand. Der Zugang zur Macht im Staat war jedenfalls gründlich verriegelt.

Der algerische Staatschef ist selbst zum Opfer des Machtapparates geworden, an dessen Aufbau er beharrlich und mit viel taktischem Geschick gearbeitet hatte. In seinem Zustand ist es Missbrauch, ihn im Amt zu lassen. Als er sich kürzlich zur Instandhaltung in einem Schweizer Spital befand, hat die Anwältin Saskia Ditisheim[9] für eine Klientin algerischer Staatsbürgerschaft in Genf von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) verlangt, Abdelaziz Bouteflika zu seinem eigenen Schutz zu entmündigen. Er sollte derart aus den unerbittlichen Klauen seines Klüngels befreit werden. Freilich hätte die Kesb sich dann auch um die Vormundschaft für ihn kümmern müssen[10].

Bevor die Schweizer Behörde reagieren konnte, war der algerische Staatschef dann sehr schnell in Algerien zurück. Kann nicht in Algier ein ähnlicher Prozess angestrengt werden? Es geht um das Offenlegen verkrusteter Strukturen der Macht.

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Ich schlage vor, Abdelaziz Bouteflika als algerischen Staatschef umgehend durch Stephen Hawking zu ersetzen[12].

Der Rollstuhl stünde für Kontinuität. Hawkings Vorteil gegenüber Bouteflika: ein Denken wie kaum einE ZweiteR und vor allem das Kommunizieren – sogar hochkomplexe physikalische Theorien für den Massenkonsum (siehe seine Bestseller) aufzubereiten, ist nicht vielen gegeben.

Außerdem sind Schwarze Löcher Hawkings Spezialität – die seit Jahren um eine Absenz konfigurierte Spitze des algerischen Staatsapparates kann durchaus mit diesem astronomischen Phänomen verglichen werden. Auch sie schluckt alles, dessen sie habhaft werden kann, und besitzt nur wenig Ausstrahlung[13].

Beim Überwinden der politischen Erstarrung Algeriens könnte sich noch ein anderes Konzept Hawkings als hilfreich erweisen. Derzeit sind ja Hunderttausende auf den Straßen Algiers und vieler anderer algerischer Städte – sie haben es satt, von derselben Clique regiert zu werden, auch wenn deren Wurzeln rühmlich oder gar revolutionär waren. Aus vielfacher schmerzlicher Erfahrung wissen wir, dass Volksaufstände langeingesessene polit-ökonomische Systeme zwar überwinden können – diese in der Folge aber meist durch eine Hintertür und in anderer personeller Besetzung wiederauferstehen. Zumal es sich ja beim heutigen Widerstand in Algerien nicht um ein politisches oder gesamtgesellschaftliches Transformationsprojekt handelt.

Stephen Hawking wich nicht vor großen Fragen zurück. Wie die Welt entstanden ist, war eine davon. Er meinte, es hätte sich um eine “Spontane Schöpfung“ gehandelt. Wenn sich derart ein ganzes Universum aus dem Nichts schaffen kann, vielleicht fällt dem großen Astrophysiker ja ein, wie in sehr reduzierter Dimension eine Creatio ex nihilo[14] im algerischen Staat bewerkstelligt werden kann? Auch die österreichische politische Szene könnte sich dann etwas abschauen und sich neu gründen…

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P.S. Dass Stephen Hawking morgen vor einem Jahr, am 14. März 2018, daheim in Cambridge gestorben ist, sollte die Ernennung zum algerischen Staatschef nicht nur nicht behindern, sondern fördern. Zum einen würde die Vakanz an der algerischen Staatsspitze perpetuiert, die Kontinuität wäre also gesichert. Zum anderen könnten AlgerierInnen sicher sein, dass Hawking keine schnöden persönlichen Interessen verfolgen würde.

Ach wie schön ist es doch, zu träumen!

 

Endnoten:

[1] Stephen Hawking bei einer Vorlesung im Stockholm Waterfront Congress Centre, Foto Alexandar Vujadinovic 24.8.2015, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stephen_Hawking_in_Stockholm,_2015.jpg.

[2] 1962-63 Minister für Jugend, Sport und Tourismus, 1963-79 Außenminister.

[3] Ahmed Ben Bella war 1962-65 erster Staatspräsident des unabhängigen Algerien, der wurde am 19. Juni 1965 vom Nationalen Revolutionsrat unter Houari Boumedienne getürzt, letzterer war 1965 bis zu seinem Tod 1978 algerischer Präsident.

[4] Das französische Wikipedia (https://fr.wikipedia.org/wiki/Abdelaziz_Bouteflika) beruft sich auf Hocine Malti, Histoire secrète du pétrole algérien, La Découverte 2010, p. 252.

[5] Die Front de Liberation Nationale ist in Algerien seit 1962 an der Macht.

[6] Prof. Stephen Hawking in Cambridge, Großbritannien, Foto Doug Wheller 31.8.2008, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stephen_Hawking_in_Cambridge.jpg.

[7] Front Islamique du Salut, also Islamische Heilsfront.

[8] Siehe Günther Lanier, Medusa lacht. Einst panafrikanische Speerspitze, dann Weben in Stille, Wien (Radio Afrika TV) 26.12.2018, http://www.radioafrika.net/2018/12/26/medusa-lacht/.

[9] Sie ist Vorsitzende der Schweizer Sektion von Anwälte ohne Grenzen.

[10] Jeune Afrique schrieb von einem Tribunal (tribunal de protection de l’adulte et de l’enfant), im Deutschen (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde/Kesb) klingt es weniger nach Gericht. Siehe Mathieu Olivier, Algérie : une avocate suisse demande le placement sous curatelle d’Abdelaziz Bouteflika, Jeune Afrique 8.3.2019 um 17h02 bzw. Andreas Stüdli, Kesb soll sich um Bouteflika kümmern, SRF (Schweizer Radio und Fernsehen) 10.3.2019, https://www.srf.ch/news/international/klage-in-genf-kesb-soll-sich-um-bouteflika-kuemmern.

[11] Während ich bewusst kein Foto von Abdelaziz Bouteflika seit seinem Schlaganfall zeige – ich würde es als eine weitere Verletzung seines sowieso schon missachteten Rechts auf Intimsphäre empfinden – hat Stephen Hawking das Rampenlicht nicht nur nicht gescheut, sondern sich darum bemüht. Die vier Fotos dieses Artikels sind durchaus auch eine Hommage an seinen diesbezüglichen Mut. Hier Stephen Hawking am 28.8.2013, Foto Intel Free Press, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stephen_Hawking_2013.png.

[12] Die nächsten algerischen Präsidentschaftswahlen sollten im April 2019 stattfinden, wurden aber gerade auf unbestimmte Zeit verschoben. So wird es einen anderen Mechanismus als Wahlen für die Machtablöse brauchen.

[13] Es war Hawking, der 1975 postulierte, dass Schwarze Löcher eine Strahlung aufweisen. Sie wurde nach ihm Hawking-Strahlung genannt.

[14] Ein Begriff aus der frühchristlichen Theologie, die sich damit gegen die griechische Philosophie wehrte, die seit jeher behauptet hatte, dass aus dem Nichts nichts werden kann. Hawking ging es hingegen darum, Gott von der Pflicht zur Weltenschöpfung zu entlasten. Er hat darüber gemeinsam mit Leonard Mlodinow in dem 2010 publizierten populärwissenschaftlichen Buch The Grand Design geschrieben. Siehe zu dem Thema insbesondere auch http://www.hawking.org.uk/the-origin-of-the-universe.html.

[15] Stephen Hawking erfreut sich an Bord einer umgebauten Boeing 727 der Zero Gravity Corporation (https://www.gozerog.com/) der Schwerelosigkeit. Foto Jim Campbell von Aero-News Network, 26.4.2007, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Physicist_Stephen_Hawking_in_Zero_Gravity_NASA.jpg.



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