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Träume verwirklichen?

Bis Mammon uns auf die Erde holt.

Günther Lanier, Ouagadougou 20.3.2019.

Angesichts allgemeinen Frustes ob der mangelnden Fortschritte in Gesellschaft, Politik und Ökonomie erinnert sich eineR gerne der Zeiten, als die Hoffnung blühte.

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Der Volksaufstand Ende Oktober 2014 und die resultierende Flucht des Langzeitdiktators Blaise Compaoré haben Burkina nicht den erhofften Wandel beschert. Da die neuen Herrscher dem alten Regime entstammen, haben sie kein Interesse, in einer Vergangenheit zu wühlen, an der sie in wichtiger und profitabler Funktion beteiligt waren. Um das ihnen genehme System in seinen wesentlichen Aspekten intakt zu belassen, mussten sie aber zulassen, dass sich Symbolträchtiges änderte. So wurden insbesondere die Prozesse um die Ermordung des Revolutionspräsidenten Thomas Sankara 1987 sowie des Journalisten Norbert Zongo 1998 wiederaufgenommen, die beide im Auftrag von Blaise oder seines kleinen Bruders François erfolgt waren.

Thomas Sankara wird (nicht nur) hierzulande große Verehrung entgegengebracht. (Neu)Täufer seines Landes – Obervolta wurde 1984 in Burkina Faso umbenannt –, verkörperte er Integrität besser oder zumindest sichtbarer als alle anderen und hat sich während seiner vier Jahre an der Spitze als würdig erwiesen, dem nunmehr als “Land der Integren“ firmierenden Staat vorzustehen, ja er wurde für viele quasi zu seiner Verkörperung.

Nach der Flucht Blaise Compaorés konnte die Verehrung konkreter werden. Ein Memorial sollte entstehen. Und zwar an dem Ort, wo Sankaras Revolution ihren “Sitz“ hatte und wo er am 15. Oktober 1987 auch ermordet wurde, unweit des damaligen Präsidentenpalastes, knapp nördlich des Rundfunks, im Conseil de l’Entente[2]. Dieses Memorial ist ziemlich groß angelegt und wird viel Geld kosten. Verwirklicht sollte als erstes die fünf Meter hohe Sankara-Statue aus Bronze werden.

Der Künstler und Bildhauer Jean-Luc Bambara wurde mit der Ausführung beauftragt – ich nehme an, dass seine Heiligenfiguren in der Kathedrale von Ouagadougou ihn als prädestiniert erscheinen ließen für die Gestaltung des zu errichtenden Nationalheiligtums.

Im Jänner 2019 stand die Statue dann auf ihrem drei Meter hohen Sockel, von der vielbefahrenen Straße aus gut sichtbar wenn auch verhüllt (s. das Foto oben). Mit der Einweihung sollte auf die Fespaco gewartet werden, Burkinas alle zwei Jahre stattfindendes afrikanisches Filmfestival, das heuer seinen fünfzigsten Geburtstag feierte[3]. Trotz der Hülle war der revolutionär emporgereckte Arm freilich schon gut sichtbar.

 [4]

Die Einweihung der Statue fand am letzten Tag der Fespaco statt, am Tag der Preisverleihung. Doch so wie kein burkinischer Film prämiert wurde[5], so wird auch Jean-Luc Bambaras Riesenbronze keinen Preis gewinnen.

Blöderweise ähnelte sein Sankara nämlich dem historischen nicht.

Auf den sozialen Netzen erhob sich in Windeseile ein Sturm der Entrüstung. Die Verantwortlichen – das Comité international du mémorial Thomas Sankara – mussten zurückrudern. Bei der eingeweihten handle es sich nicht um die endgültige Statue.

So wurde die Riesenbronze schnell wieder versteckt, diesmal hinter einem weißen Tuch. Eine Art Leichentuch? Ich war leider zu langsam und habe dieses Stadium von Sankaras posthumer Existenz versäumt.

Als ich vorbeikam, war nur mehr der Sockel da. Dafür hat sich die steinerne Mauer zur Straße hin in einen Zaun verwandelt, der die Sicht kaum behindert. Auf jeder der vier Seiten des Sockels gibt es Halbreliefs der mit Sankara am 15. Oktober 1987 zu Tode Gekommenen, drei pro Seite. Ob sie realitätstreu abgebildet sind oder nicht, ist wohl weniger wichtig, das kollektive Gedächtnis konzentriert sich ja aufs Wichtigste. Und links im Hintergrund sind Pickup- und Panzerwracks zu sehen.

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Stümperei?

Die Gerüchteküche will wissen, dass Jean-Luc Bambara sich nicht selbst um die Sankarabronzestatue kümmern konnte, er hätte den Job an seine Gehilfen delegiert, sei gar nicht im Land gewesen, wäre einem lukrativeren deutschen Auftrag nachgekommen.

Ja, wenn die Euros rufen!

Sollte die Geschichte stimmen, dann könnten wir sagen, dass Sankara ein zweites und jetzt symbolisches Mal Opfer des schnöden Mammon geworden ist[7].

Doch sollte die Geschichte wirklich stimmen, dann verurteilen wir Jean-Luc Bambara nicht vorschnell. Er zieht Reales Imaginärem vor? Wir alle hätten uns gewünscht, dass der Wandel, den wir erwarteten und ersehnten, als Blaise Compaoré vertrieben war, dass dieser Wandel Realität würde. Symbolisches wie Memorials und Bronzestatuen sind gut – sehr viel besser aber wäre eine bessere Wirklichkeit.

 

Endnoten:

[1] Noch verhüllt. Foto GL 17.1.2019.

[2] Dieser “Rat des Einvernehmens“ wurde 1959 gegründet als frankreichfreundliche Gruppierung der (Ex-)Kolonien Dahomey (heute Benin), Obervolta (heute Burkina), Côte d’Ivoire, Niger und (etwas später) Togo. Es gibt ihn noch immer, aber er führt meines Wissens nicht einmal ein Schattendasein.

[3] Siehe auch Günther Lanier, Zum 50. FESPACO-Geburtstag. Vergessen wir Cannes und seinen Prunk, Wien (Radio Afrika TV) 27.2.2019, http://www.radioafrika.net/2019/02/27/zum-50.-fespaco-geburtstag.

[4] Enthüllt. Foto Harouna Marané 2.3.2019, bearbeitet GL.

[5] Burkina heimste eine Reihe kleiner Preise ein, aber keinen der Hauptpreise.

[6] Demontiert. Foto GL 15.3.2019.

[7] Beim ersten Mal ging es neben Materiellem freilich auch um Macht.

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