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Spießumkehr.

Ägyptisch-ugandisches Wasser im englischen Herzland.

Günther Lanier, Ouagadougou 1.5.2019.

Manche Revolutionen sind simpel. Es braucht nur die Idee. Zum Beispiel (ich übersetze einen BBC-Artikel[1] von vorgestern, 29. April 2019):

Der ugandische “Forschungsreisende” Sir Milton Allimadi hat am Wochenende bei einem Stadtausflug in London eine Zufallsentdeckung gemacht. Er stieß auf einen mächtigen Fluss, der sich durch die britische Hauptstadt schlängelt. So begeistert war er von seinem Fund, dass er beschloss, ihn nach einer ugandischen Stadt Gulu-Fluss zu taufen. Er dachte, es wäre nicht der Mühe wert, herauszufinden, ob die Eingeborenen schon eine Bezeichnung für ihn hätten. Tatsächlich nennen sie ihn Themse. Sir Allimadi twitterte, er sei glücklich, dem Fluss einen “anständigen Namen“ gegeben zu haben. Die “Entdeckung“ wurde in weiten Teilen Afrikas willkommen geheißen. Sie führte dazu, dass sich das Themse-Entdeckungsprogramm, eine Initiative, die sich der Archäologie und Geschichte des Londoner Flusses widmet, umbenannte.

 [2]

Als die anfänglich noch gar nicht so satte Welt sich daran machte, den Globus zu erobern, ging es vordergründig zwar um Militärisches und Ökonomisches, ein ganz wesentlicher Aspekt war jedoch das ubiquitäre Durchsetzen der Weltsicht der weißen Eliten. Da spielte die Definitionsmacht oder auch Benennungsmacht eine wesentliche Rolle. Wir tendieren dazu, dem Wissen und den Wissenschaften Objektivität zuzugestehen. Doch dem ist nicht so. Selbst die Menschenrechte genügen ihrem eigenen Anspruch auf Universalität nicht[3].

Was die Kolonialisierung betrifft, sei hier auf den ugandischen Politologen Mahmood Mamdani verwiesen, der die Definitionsmacht für ein ganz zentrales Merkmal des Systems der (indirekten) Herrschaft der (nicht nur britischen) Kolonialherren hält. Er ersetzt das gern zitierte “teile und herrsche“ durch “definiere und herrsche“[4]. Und en passant sei auch noch erinnert an den unseligen Beitrag deutscher und belgischer Kolonialherren und wie viele Hunderttausende Tote deren Umwandlung sozialer in ethnische Grenzen zwischen Hutus und Tutsis Jahrzehnte später in Ruanda und Burundi verursacht hat[5].

Noch ein kleiner Exkurs zur Definitionsmacht: Die ist auch bei sexualisierter Gewalt wesentlich. Seit den 1970er Jahren kämpfen FeministInnen darum, dass Betroffenen das eigentlich selbstverständliche Recht zugestanden wird, zu definieren, was sexualisierte Gewalt ist. Was als solche empfunden wird, ist sexualisierte Gewalt. So einfach ist das.

Und ganz einfach war es auch, den Spieß umzukehren und den längsten englischen Fluss[6] ugandisch zu taufen.

“Gulu“ heißt auf Acholi[7] “Topf“, mit anderem Wort “Pott“. Vielleicht hat das Sir Milton Allimadi bei der Namenswahl inspiriert. Ruhrpott und London sind ja wohl in mancherlei Hinsicht vergleichbar, insbesondere was die Umweltbelastung betrifft, auch gehören Ruhr und Gulu-Fluss, an der Wasserführung gemessen, derselben Kategorie an[8].

Gulu ist die Hauptstadt des Gulu-Distrikts und der ugandischen Nord-Region[9], hatte laut 2014er Volkszählung 152,276 EinwohnerInnen und liegt etwa 340 Straßenkilometer nordnordöstlich der Hauptstadt Kampala. Gulu ist zwar nur die siebtgrößte Stadt Ugandas, was Wasser betrifft, hat es allerdings deutlich mehr vorzuweisen als London, ist doch der Victoria-Nil nicht weit[10].

England bzw. Großbritannien verliert demnächst die schier unermesslichen Vorteile[11] einer EU-Mitgliedschaft, Brexit-sei-Dank. In Zukunft will es sich dann unter anderem Afrika verstärkt zuwenden, hieß es. Der gewollten Annäherung hat Sir Milton Allimadi auf einer symbolischen Ebene nachgeholfen. Schon einmal war Großbritannien Uganda zu Dank verpflichtet, und zwar als der wenig beliebte ugandische Staatschef Idi Amin im Dezember 1973 zur Überwindung der britischen Krise ohne lange zu zögern einen Rettet England-Fonds auflegen und Gemüse und Bananen schicken wollte, um der wirtschaftlich darniederliegenden ehemaligen Kolonialmacht wieder auf die Beine zu helfen[12]. In der Not zeigen sich die wahren FreundInnen…

 [13]

Der Gulu so nahe Victoria-Nil bzw. sein Wasser wird auf seiner langen Reise als letztes Station in Ägypten machen, lebensspendend und vor vielen Jahrtausenden dort eine gesellschaftliche Entwicklung ermöglichend, die eine allseits bewunderte Hochkultur entstehen ließ, eine der frühesten weltweit und, wie wir seit Cheikh Anta Diop wissen, “schwarz“[14].

Der längste englische Fluss hingegen entspringt, was seine Namen betrifft, ägyptisch und wird erst im Unterlauf ugandisch. Von seiner Quelle in den Cotswolds bis Dorchester on Thames[15], 13 km südöstlich von Oxford, heißt der Fluss Isis[16].

Die Frauen und Mannen des Oxford University Boat Club trainieren also auf der Isis, auch wenn die berühmten alljährlichen Ruderwettbewerbe zwischen den beiden englischen Elite-Universitäten Oxford und Cambridge in London, also auf dem Gulu-Fluss stattfinden[17].

Isis, Göttin der Geburt, der Wiedergeburt und der Magie, Totengöttin. Sie wurde nicht nur im “Alten“ Ägypten, sondern auch von den nachher dort lebenden GriechInnen und RömerInnen und bis in christliche Zeiten hinein verehrt.

 [18]

Englische Eingeborene behaupten, der Name Isis käme von Tamesis, von dem niemand recht weiß, was es bedeuten sollte[19], von dem aber angeblich im Mittelalter geglaubt wurde, dass es eine Aneinanderreihung von “Thame” und “Isis” sei.

Doch was wir von Eingeborenen und Leuten falscher Hautfarbe halten sollen, haben uns der Eingeborenen-Code[20] der französischen und der Colour Bar[21] der britischen Kolonien deutlich genug vorexerziert.

Die Wasser von Isis und Gulu durchqueren Südengland von West nach Ost. Möge der neue Name des Unterlaufs den BewohnerInnen des Landes Glück bringen und sie vom EU-Joch befreien!

 

Endnoten:

[1] Ugandan ‘explorer renames London river’, BBC 29 April 2019, 15:17. Übersetzung GL.

[2] Da hieß sie noch Themse. Emile Claus, Morgenbetrachtung der Themse in London, Öl auf Leinwand 1918, Museum der Schönen Künste Gent, Foto Szilas, wahrscheinlich 2012 (oder früher), https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Emile_Claus_-_Morning_Reflection_on_the_Thames_in_London.jpg?uselang=de.

[3] Siehe dazu Günther Lanier, Die kleine Macht der Ohnmächtigen. Regeln, auf die sich alle berufen können, Radio Afrika TV 12.12.2018, http://www.radioafrika.net/2018/12/12/die-kleine-macht-der-ohnmachtigen/.

[4] Siehe Mahmood Mamdani, Define and Rule. Native as Political Identity, Cambridge, Mass. (Harvard Univ. Press/The W.E.B. Du Bois Lectures) 2012. Auf dieses Buch habe ich schon verwiesen in Günther Lanier, Regenbogennationen im historischen Dar Fur und Sudan. Vergessen wir die Ethnien! Radio Afrika TV 14.2.2018, http://www.radioafrika.net/2018/02/14/regenbogennationen-im-historischen-dar-fur-und-sudan/.

[5] Siehe – obwohl beide Artikel die Rolle der belgischen und deutschen Kolonialherren nur streifen – zu Burundi Günther Lanier, Ein Sportlehrer, den die Macht nicht mehr loslässt. Oder: Wie richte ich ein Land zugrunde? Bujumbura live, Radio Afrika TV 7.2.2018, http://www.radioafrika.net/2018/02/07/ein-sportlehrer-den-die-macht-nicht-mehr-loslasst-oder/ und zu Ruanda Günther Lanier, Ruanda. Ein afrikanischer Star, trotz Wenn und Aber, Radio Afrika TV 25.10.2017, http://www.radioafrika.net/2017/10/25/ruanda-ein-afrikanischer-star-trotz-wenn-und-aber/.

[6] Der Severn ist um 8 km länger als der Gulu-Fluss (354 gegenüber 346 km), entspringt aber in Wales und kann daher nicht als rein englischer Fluss gelten.

[7] Acoli hat laut https://www.ethnologue.com/country/UG/languages 1,5 Millionen SprecherInnen. Es gehört zur südlichen Luo-Sprachgruppe.

[8] 66 m3/Sekunde für den Gulu-Fluss in Kingston-upon-Thames (der Name des südwestlichen Londoner Bezirks wurde meines Wissens bisher noch nicht geändert), 76 m³/s für den Unterlauf der Ruhr am Pegel Mülheim, 81,6 m³/s an der Mündung in den Rhein.

[9] Die ist mit 85,391.7 km2 etwa so groß wie Österreich. Die Region war schon zu Kolonialzeiten weniger “entwickelt“ als der Rest Ugandas und hatte ab 1987 besonders unter der Lord’s Resistance Army (LRA) zu leiden. Bis zu 2 Millionen Binnenflüchtlinge mussten zeitweise in Lagern – die Organisation Stop the Genocide in Northern Uganda sprach von Konzentrationslagern – Sicherheit suchen. Seit 2007 herrscht mehr oder weniger Friede. 2009 wurden alles Lager geschlossen.

[10] Zum Victoria-Nil sind es wenig mehr als 50 km Luftlinie. “Victoria-Nil“ scheint der korrekte Name für den “Weißen Nil“ zwischen Victoria- und Albert-See zu sein. Der Weiße Nil heißt offensichtlich erst ab der südsudanesischen Grenze “wirklich“ so.

[11] Dass der Austritt aus der EU, falls es zu ihm kommt, so viel kosten wird, dient der Abschreckung anderer EU-Mitglieder, ja nicht auf die Idee zu kommen, sich dem Brüssel-Berliner Diktat entziehen zu wollen.

[12] Idi Amin herrschte von 1971 bis 1979. Zu Uganda siehe auch Günther Lanier, Ein Primus mundi unter einem Despoten, Radio Afrika TV 4.7.2017, http://www.radioafrika.net/2017/07/04/ein-primus-mundi-unter-einem-despoten/.

[13] 1855 hatte Livingstone die sehr viel größeren Sambesi-Wasserfälle, heute an der Grenze Sambias und Simbabwes, “Victoria Falls“ genannt, der naheliegendste Name war somit in den 1860er Jahren nicht mehr frei. Die Wasserfälle des Victoria-Nils heißen “Murchison Falls“, die EntdeckerInnen, Sir Samuel und Lady Florence Baker, ehrten damit den Präsidenten der Royal Geographical Society. Idi Amins Versuch einer Umbenennung in “Kabalega Falls“, nach Omukama (König) Kabalega von Bunyoro, war offensichtlich nicht nachhaltig.

[14] Siehe dazu auch Günther Lanier, Diskursaneignung. Es ist an der Zeit, uns selbst zu erzählen, Radio Afrika TV 8.8.2018, http://www.radioafrika.net/2018/08/08/diskursaneignung/.

[15] Abermals glaube ich nicht, dass der Ortsname (schon) geändert wurde.

[16] Hier eine von ChrisO am 15.2.2004 gezeichnete Karte des Flusses, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Thames_map.png:

[17] Die Männer rudern seit 1829 gegeneinander (seit 1856 alljährlich), die Frauen seit 1927 (seit 1964 alljährlich). Wer gut rudert, hat die besten Chancen, die sonst sehr selektiven Aufnahmeprüfungen in eine der beiden Unis zu bestehen ohne ein Genie zu sein.

[18] Isis auf einem Wandgemälde im Grab von Seti I im Tal der Könige (die Königinnen haben ihr eigenes Tal, südlich des Tals der Könige), circa 1380-1335 vor unserer Zeitrechnung, MalerIn unbekannt, heute im Karnak-Museum, Foto von The Yorck Project (2002), 10.000 Meisterwerke der Malerei, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%C3%84gyptischer_Maler_um_1360_v._Chr._001.jpg.

[19] Vielleicht “dunkel“, oder “schlammig“. Aber es besteht nicht einmal Einigkeit, ob der Name indoeuropäischen Ursprungs ist.

[20] Code de l’indigénat.

[21] Rassenschranke. Am extremsten freilich als Apartheid in Südafrika nach der Unabhängigkeit.