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Lassen Sie uns doch einfach in Frieden!

Offener Brief an die EU-Kriegstreiberin Nr.1.

Günther Lanier, Ouagadougou 8.5.2019.

Reist wer MächtigeR in offizieller Mission ins Ausland, dann heißt es auf der Hut sein. Dann glaubt wer, die ökonomischen, politischen und militärischen Interessen seines oder ihres Landes fördern zu müssen[1]. Besteht zwischen BesucherIn und Besuchten ein erhebliches Machtgefälle, gilt es, Widerstände gegen die Interessen der Mächtigen aus dem Weg zu räumen, gilt es, für ein noch heftigeres Durchsetzen dieser Interessen zu sorgen. Dann reichen die unterirdischen und ubiquitären Kräfte von freiem Markt und Weltsystem offenbar nicht aus, um den Großen den Großteil des Kuchens, auf den sie freilich Anspruch haben, zu sichern.

Vorige Woche war Angela Merkel kurz zu Besuch in Burkina Faso, Mali und Niger. Ich habe ihren Besuch nur aus der Ferne verfolgt. Eine Artikelüberschrift auf Lefaso.net veranlasst mich aber, diesen offenen Brief an die deutsche Bundeskanzlerin[2] zu schreiben.

 [3]

S.g. Frau Merkel,

Sie haben anlässlich Ihres Burkina Faso-Besuchs zwar versucht, Deutschland von Frankreich abzugrenzen, haben es aber leider nicht lassen können, wie der französische Staatschef bei seinem Besuch vor eineinhalb Jahren Lektionen zu erteilen[4].

Was meine Aufmerksamkeit erregt hat, ist folgender Satz:

“Es ist nötig, sich zu versöhnen und nie zu glauben, dass eine Ethnie einer anderen überlegen ist“[5]

Stimmt. Oder vielmehr: Schön wär’s. Aber bevor Sie sich abermals erdreisten, anderen Leuten Unterricht in Menschlichkeit zu geben, erlaube ich mir, Sie in ihrer Funktion als Chefin Deutschlands daran zu erinnern, dass einiges Unerledigtes auf Sie wartet. Was ich hier aufzähle, sind nur Beispiele, sie haben aber alle mit dem Primat Deutschlands und dem Nachrang Nicht-Deutscher[6] zu tun.

Vor Ihrer eigenen Türe zu kehren gälte es also zum Beispiel in folgenden Angelegenheiten:

  • Deutschland lässt 2.000 einstigen Parteigängern des NS-Reichs bis zum heutigen Tag monatlich Beträge von bis zu 1.275 Euro zukommen, monatlich macht das immerhin eine dreiviertel Million Euro. “Nicht in der Lage sieht sich der deutsche Staat, einem heute 83-jährigen Mann, der als Kind im okkupierten Polen seinen Eltern geraubt und zur ‘Germanisierung’ nach Deutschland verschleppt wurde, eine symbolische Entschädigung von 2.500 Euro zu zahlen. In der vergangenen Woche wurde eine Klage des Mannes von der deutschen Justiz letztinstanzlich abgewiesen. NS-Stellen verschleppten bis zu 200.000 Kinder ins Reich“[7].

  • Griechenland: Zwischen 1941 und 1944 von den deutschen Besatzern begangenes Unrecht ist nach wie vor nicht wiedergutgemacht. Wär’s nicht an der Zeit? Im April forderte Griechenland Deutschland zu Verhandlungen zu folgenden Punkten auf:
    – “Reparationszahlungen für die Schäden, welche die Wehrmacht verursachte.
    – Schadenersatz für Opfer von Kriegsverbrechen und deren Nachkommen.
    – Rückzahlung eines der griechischen Zentralbank abgepressten Zwangskredits einschließlich der aufgelaufenen Zinsen.
    – Rückgabe geraubter Kunstschätze und archäologischer Fundstücke“[8].
    Auf 300 Mrd Euro schätzt ein Bericht der Kommission des griechischen Parlaments die Schäden und Kosten der deutschen Besetzung insgesamt. Doch Deutschland hält die Sache für erledigt.
  • Auch in Italien weigert sich Deutschland, NS-Opfer zu entschädigen. Zwar werden die faulen Ausreden des deutschen Staates – Staatenimmunität! – von der italienischen Justiz nicht mehr anerkannt[9], doch habe ich noch nicht gehört, dass Deutschland endlich zu Kreuze gekrochen wäre.

  • Gestern[10], also am 7.5.2019, haben Herero und Nama vor dem New Yorker Bundesgerichtshof Berufung eingelegt gegen das im März ergangene Urteil, als eine Richterin die Sammelklage zur Entschädigung für die unter deutscher Kolonialherrschaft verübten Verbrechen im heutigen Namibia verworfen hatte. Staatenimmunität![11]
    Deutschland bemüht sich um eine politische Lösung, verhandelt lieber mit der namibischen Regierung statt mit Herero und Nama, wird sich wohl freikaufen. Weil eine Wiedergutmachung – hört und staunt! – kann sich Deutschland nicht leisten. Oh, die Armen! Ein paar Entwicklungshilfe-Brösel werden’s schon richten.

Wenn diese und ähnliche Probleme geregelt sind, somit Anstand einkehrt in Deutschlands Verhältnis zu anderen, dann werde ich mir auch Ihre Reden samt Lehren und Ermahnungen anhören[12]. Bis dahin aber: Wir haben genug Probleme hier in Burkina[13]. Lassen Sie uns bitte in Frieden!

Günther Lanier

 [14]

Nachbemerkung: Afrika subventioniert die Satte Welt. Gelänge es uns, die Kapitalflucht zu unterbinden, würde das alle Entwicklungshilfe und andere Kapitalzuflüsse aus der Satten Welt mehr als kompensieren[15].

 

Endnoten:

[1] Was Deutschland und Afrika betrifft, siehe dazu Günther Lanier, Deutsche Rekolonialisierungsbemühungen? Radio Afrika TV 15.12.2016, http://www.radioafrika.net/2016/12/15/deutsche-rekolonialisierungsbemuhungen/ bzw., in etwas erweiterter Form: Günther Lanier, Steht Afrika vor einer deutschen Rekolonialisierung? WERKSTATT-Rundbrief Nr. 2/2017 der Solidarwerkstatt 18.1.2017, ebenfalls am 18.1.2017 veröffentlicht auf http://www.solidarwerkstatt.at/index.php?option=com_content&view=article&id=1616:steht-afrika-vor-einer-deutschen-rekolonialisierung&catid=16&Itemid=43.

[2] Dazu, dass sie bzw. Deutschland KriegstreiberInnen sind, siehe z.B. Günther Lanier, Geschäftemachen und Aufrüsten, Radio Afrika TV 13.12.2017, http://www.radioafrika.net/2017/12/13/geschaftemachen-und-aufrusten/. Zu dem Thema siehe aber vor allem diverse Artikel der Solidarwerkstatt (www.solidarwerkstatt.at) und von German Foreign Policy (www.german-foreign-policy.com).

[3] Der namibische Daureb, Daunas oder Daures, vom Süden gesehen. Das ist der Name, den die hier lebenden Damara dem Berg verliehen, das heißt “brennender Berg“; die Herero nannten ihn “Omukuruvaro“, “Berg der Götter (GöttInnen?)“. Auch bekannt unter dem Namen Brandberg(-Massiv), etwa 300 km nordwestlich der namibischen Hauptstadt Windhoek. Foto Joel Holdsworth, August 2000, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brandberg_Mountain_Panorama.jpg. Der 2573 Meter hohe Königstein (für ihn habe ich keinen einheimischen Namen gefunden) ist der höchste Berg des Massivs und Namibias.

Das “featured image“ am Kopfende des Artikels bildet eine in der Daureb-Umgebung wachsende Welwitschie (Welwitschia mirabilis) ab. Der Name stammt von ihrem “Entdecker“ (1859), dem österreichische Arzt und Botaniker Friedrich Welwitsch. Ich fand, dass dieser Pflanze Krakenhaftigkeit gut zum Funktionieren von EU und Weltsystem passt (nichts für ungut, ihr Kraken!), aber die in der Wüste Namib endemische Pflanze ist auch im namibischen Wappen abgebildet (obwohl ich sie dort nicht erkannt hätte). Das Welwitschie-Foto wurde jedenfalls von Bgabel im August 2006 angefertigt, zugeschnitten und Farben verändert GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NA-brandenb-welw.jpg.

[4] Zu Macron und wie er an der Uni von Ouagadougou verbal k.o.-geschlagen wurde siehe Günther Lanier, Salimata Nah Traoré gegen FrançFaso: Knockout mit wohlformulierten Sätzen, Radio Afrika TV 29.11.2017, http://www.radioafrika.net/2017/11/29/salimata-nah-traore-gegen-francfaso/.

[5] Ich weiß nicht, ob Sie Französisch können und dieser Satz im Original deutsch oder französisch war, ich übersetze jedenfalls aus dem Französischen, so wie Sie auf Lefaso.net in einem Artikel-Titel ebenso wie im Artikel selbst dann zitiert wurden: “Il faut avoir la volonté de se réconcilier et ne jamais croire qu’une ethnie est supérieure à une autre.“ OHL, Angela Merkel aux Burkinabè : «Il faut avoir la volonté de se réconcilier et ne jamais croire qu’une ethnie est supérieure à une autre», Lefaso.net 2.5.2019 um 23h00.

[6] Wir könnten von “Stammesdünkel“ sprechen oder schreiben.

[7] German Foreign Policy, Morden ist Gold, 12.04.2019, https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/7913/.

[8] Zu Griechenland kann ich mich auf die unverdächtige NZZ berufen – die Liste ist ein wörtliches Zitat aus Andreas Ernst, Griechenland erneuert seine Forderung an Deutschland für Weltkriegs-Reparationszahlung, NZZ 23.4.2019, 13h29.

[9] Siehe zum Beispiel German Foreign Policy, Kampf um Entschädigungen, 19.06.2018, https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/7642/.

[10] Siehe AFP, Génocide en Namibie: appel des tribus herero et nama contre l’Allemagne à New York, 7.5.2019 um 20h34. In deutschsprachigen Medien habe ich anlässlich einer zugegebenermaßen kurzen Internetsuche keine Meldung zu dieser Berufung gefunden – eigenartig… Zum Abweisen der Klage im März gibt es freilich Einiges.

[11] Zum Genozid an Herero und Nama ausführlicher: Günther Lanier, Sind die PostbotInnen Herero, dann ist Deutschland nicht zu Hause. Deutscher Krieg gegen Herero und Nama, revisited, Radio Afrika TV 24.1.2018, http://www.radioafrika.net/2018/01/24/deutscher-krieg-gegen-herero-und-nama-revisited/.

[12] Oder um es mit Leonard Cohen zu sagen:

“Tell me again
When the victims are singing
And the laws of remorse are restored
(…)
Tell me again
When I’ve seen through the horror
Tell me again
Tell me over and over
(…)
Tell me again
When the filth of the butcher
Is washed in the blood of the lamb
Tell me again
When the rest of the culture
Has passed through the eye of the camp”
Aus Leonard Cohen, Amen, von der Platte “Old Ideas” aus 2012. Anhörbar zum Beispiel unter https://www.youtube.com/watch?v=Dc9nYpWDR08.

[13] Darunter seit Kurzem verstärkt auch ethnische – siehe dazu Günther Lanier, Unter Generalverdacht. Die Fremden in unserem Inneren, Radio Afrika TV 27.3.2019, http://www.radioafrika.net/2019/03/27/unter-generalverdacht/.

[14] Der namibische Daureb/Daunas/Daures vom Satelliten aus: Foto ohne Datum (jedenfalls vor 11.11.2005) NASA, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brand_hires_trimmed.jpg.

[15] Dazu ausführlicher: Günther Lanier, Bergauf fließendes Wasser. Afrika subventioniert die Satte Welt, Radio Afrika TV, Wien 16.1.2019, http://www.radioafrika.net/2019/01/17/bergauf-fliesendes-wasser/.