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Das Eingeständnis der Täter*innenrolle: Weiß-sein im 21. Jahrhundert

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Nigeria, 2013: Kinder in einem nigerianischen Bergdorf laufen ängstlich vor mir davon. Tansania, neun Monate später: Kinder in einem Massai-Dorf in einer touristischen Gegend laufen Freude strahlend auf mich zu, klammern sich an mich, wollen Aufmerksamkeit. Namibia, zwei Monate darauf: im Township stehend wird mir ansonsten völlig kontextlos gesagt, dass ich wohl weder eine Touristin noch eine Namibierin sein kann. 15 Jahre zuvor, Österreich: meine beste Freundin wird gefragt, wo sie denn „wirklich“ herkomme, während ich sprachlos danebenstehe und nicht gefragt werde, obwohl ich eigentlich diejenige von uns beiden bin, die einen ausländischen Pass hat. Was passiert hier?

Während sich POC-Personen ständig mit ihrem „Schwarz-sein“ auseinandersetzen müssen, ist dies für den Großteil der als „weiß*“ gelesenen Bevölkerung kaum ein Thema. Wie kommt es, dass medial von „Afroamerikaner*innen“ und „Schwarzen* Deutschen“, jedoch nie von „weißen* Österreicher*innen“ oder „Euroamerikaner*innen“ berichtet wird? Wie oft muss man sich als weißer* Mensch schon damit auseinandersetzen, weiß* zu sein? Viel zu wenig, wenn es nach der „Kritischen Weißseinsforschung“ geht. Das relativ junge Forschungsfeld analysiert Rassismus aus der Täter*innen-Perspektive und macht klar, dass Rassismus keineswegs das Problem der im Zuge dieser Ideologie diskriminierten POC-Personen, sondern ein Problem aller ist.

Tatsächlich ist genau der Fakt, sich nicht damit beschäftigen zu müssen, weiß* zu sein, bereits ein Teil des Privilegs. Welche weiße* Person würde sich schon selbst als weiß beschreiben? Während wir weiße* Menschen in der Selbstzuschreibung dann auf andere Dinge wie beispielsweise das Alter oder den Beruf ausweichen, sind wir bei der Fremdzuschreibung ganz schnell dabei, mit Begriffen bezüglich der äußerlichen Erscheinung unseres Gegenübers um uns zu werfen. Um das gesellschaftliche Machtverhältnis sichtbarer und so analysierbarer machen zu können, braucht es zuallererst unter anderem einen wichtigen Ausgangspunkt: das Eingeständnis der Täter*innen. Gerade als „White Allies“ bei Bewegungen wie „Black Lives Matter“ mag es unsere Aufgabe als weiß* sozialisierte Menschen sein, uns unserer Täter*innenrolle vermehrt bewusst zu werden und so die Basis dafür zu bieten, gesamtgesellschaftlich etwas in eine bessere Richtung vorantreiben zu können.

„Race does not exist. But it does kill people.” – Collette Guillaumin
(Racism, Sexism, Power and Ideology. 2002:107. London: Routledge.)

Zu erklären, dass Rassismus de facto tötet, ist im Jahr 2021 aus gegebenem Kontext wohl nicht mehr nötig. Im Umkehrschluss bedeutet dies allerdings auch: der Abbau rassistischer Ideologien kann Leben retten. So schwierig es auch sein mag, uns selbst die Rolle als Täter*innen einzugestehen, so sehr sollte uns eben dieser Gedanke dazu motivieren, genau dies zu tun. In diesem Zusammenhang machen auch antirassistische Sprachkritik und politische Korrektheit einen maßgebenden Unterschied.

Es ist traurig, dass die Bewohner*innen eines namibischen Townships nicht anhand meines Verhaltens, sondern lediglich auf Grund meiner Präsenz an diesem Ort erkannten, dass ich nicht in Namibia aufgewachsen war – denn wie sie mir erzählten, würden weiße* Namibier*innen (damals) so gut wie nie zu diesem Markt kommen. Ebenso scheinen sich Erfahrungen, vor allem, wenn sie sich wiederholen und mit einem äußerlichen Merkmal scheinbar verknüpfbar sind, in unser Gedächtnis einzubrennen. Also ist es eigentlich kein Wunder, dass die Kinder in dem tansanischen Massai-Dorf – ohne mir jemals begegnet zu sein oder auch nur ein Wort mit mir gewechselt zu haben – davon ausgehen, dass ich so reagieren werde, wie wohl der Großteil der jungen, weißen* Frauen, die vor mir in dieses Dorf gekommen sind, es getan haben: die Kinder in den Arm nehmen und ein paar karitative Selfies machen, um dann zu Hause in Europa bildlich meine vermeintliche Großzügigkeit beweisen zu können. Und so geradewegs auf ein Abhängigkeitsverhältnis zusteuern, dass nicht nur bewusst geschaffen wurde, sondern auch von vielen Menschen unbewusst erhalten wird.

Auch die „Woher kommst du wirklich?“-Frage ist ein alter Gräuel, der nicht nur impliziert, dass die befragte Person nicht Teil von „uns“ bzw. „dieser Gesellschaft“ und potenziell ein Gast ist, sondern vielleicht auch noch indirekt die Frage aufwirft, wann sie denn wieder geht. Oder die Annahme mitschwingt, dass sie früher oder später wieder gehen wird. Oder aber es nicht tut – und trotz ihrer vermeintlich „anderen“ Herkunft dennoch niemals als vollwertiges und ernst zu nehmendes Mitglied der hiesigen Gesellschaft angesehen wird. Die Grenzziehung zwischen „uns“ und „den anderen“ ist bereits der Beginn des Problems.

Die Kinder in dem nigerianischen Dorf, das ich ganz zu Beginn erwähnte, sind vermutlich (diese Annahme basiere ich auf den Erzählungen der Erwachsenen in eben diesem Dorf) noch nie zuvor einer weißen* Person begegnet. Sie waren also einer Angst ausgesetzt, die im Innersten vieler Menschen vorhanden zu sein scheint und die oftmals bewusst ausgenutzt wird: der Angst vor dem Fremden. Sie hatten die Wahl, wie sie damit umgehen: weglaufen oder sich stellen. Anfangs sind sie weggelaufen, doch sie sind immer wieder ein paar Schritte nähergekommen, bevor sie erneut den Rückzug angetreten haben, um sich dann wieder ein paar Schritte mehr nach vorne zu wagen. Die Kinder haben sich ihrer Angst gestellt. Und auch wir als weiße* Personen haben die Wahl: laufen wir vor unserer Rolle als Täter*innen weg, indem wir sie ignorieren oder sogar abstreiten, oder aber stellen wir ihr uns?

Ich persönlich habe beschlossen, mich stellen zu wollen. Und du?


*weiß und Schwarz beziehen sich hier auf ideologische Konstruktionen, die keinesfalls ein Abbild der Wirklichkeit darstellen. Um dies hervorzuheben, wird in diesem Kontext weiß klein und kursiv und Schwarz groß geschrieben.

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