Radio Afrika TV

Der Weg war gewiesen.

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Religion, Licht und Wissenschaft für (wieder) Freie.

Günther Lanier, Ouagadougou, 15.1.2020.

Nicht dass Staaten oder Nationen anderswo natürliche Gebilde wären, keineswegs. Doch haben Willensakte – und Phantasien – bei der Einrichtung, ja Erschaffung Sierra Leones eine größere Rolle gespielt als sonst.

Nach schwierigen Anfängen Ende des 18. Jahrhunderts, also um die Zeit der Französischen Revolution, wurde das 19. Jahrhundert zum Goldenen Zeitalter Freetowns und seiner Krios (zur Entstehung dieses plurikulturellen “Volkes“ siehe meinen vorwöchigen Artikel[1]). In der zweiten Jahrhunderthälfte besetzten Letztere im ganzen britischen Westafrika wichtige Posten in der Kolonialadministration und sierra-leonische Zeitungen wurden westafrikaweit gelesen[2].

Das Hinterland Sierra Leones hingegen wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts britisch kolonisiert[3].

 [4]

Freetown war auf dem afrikanischen Kontinent eine Leuchtturm-Funktion zugedacht, eine Pionierrolle. Von hier aus sollten sich die überlegene europäische Kultur und Religion unter den “Wilden“ ausbreiten. Die BetreiberInnen dieser Zivilisierung sollten Schwarze sein, freilich unter weißer Aufsicht und Anleitung, befreite SklavInnen vor allem.

Diesen wurde ein Heilsversprechen gemacht: Nachdem sie ihre Freiheit wiedererlangt hatten, würden sie auch Land bekommen. Und dieses Land würde nicht irgendein Land, sondern afrikanisches Land sein, sozusagen Muttererde. Oder Vaterland. Dort könnten sie selbstbestimmt leben.

Freilich darf nicht vergessen werden, dass militärische und ökonomische Interessen eine wichtige Rolle spielten. Freetown verfügt über einen natürlichen Hafen, wie er idealer kaum sein könnte. Zwischen der Halbinsel, deren Norden Freetown besetzt, und der nördlich davon gelegenen Lungi-Halbinsel dringt ein Meeresarm ins Land, gespeist unter anderem vom Sierra Leone River. Da sind Schiffe geschützt vor feindlichen Blicken und auch dem manchmal wohl wilden Atlantik.

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Our Lady Star of the Sea heißt die Kirche, in der sich das Wandgemälde befindet, das dem Artikel vorangestellt ist. Maria, stella maris, der Meeresstern, der die Richtung vorgibt, den Leuten zur See Schutz bietet und den Weg weist.

Wunderbar, wie da die drei Kreuze statt auf Golgatha auf den Hügeln der Freetown-Halbinsel stehen, die gleich vom Meer weg ansteigen. Hier wurde am Mythos gearbeitet, der das Aussiedeln der ehemaligen SklavInnen religiös verbrämt und zum Heilsprojekt[6] überhöht.

Der Marienkult ist ein vor allem katholisches Phänomen[7]. In Freetown dominiert eindeutig der Protestantismus. Die christliche Religion spielte ganz allgemein von allem Anfang an eine überaus bedeutende Rolle – und dass das bis zum heutigen Tag so geblieben ist, dafür gibt der Geräuschpegel Zeugnis, den die diversen Kirchen vor allem – aber beileibe nicht nur – sonntags mit ihren Messen und Gebeten und Gesängen erzeugen.

Gott, Maria, Religion geben Halt und Orientierung. Das war wohl besonders notwendig, als es galt, das Meer zu überqueren und sich in einem unbekannten Land auf Dauer einzurichten. Und das war wohl auch hilfreich, als sich die endlich erreichte Unabhängigkeit zwar für die neuen MachthaberInnen, nicht aber für die Bevölkerungsmehrheit als vorteilhaft erwies; und als dann das Land in den allseits unvorstellbar grausam geführten Bürgerkrieg abglitt. Es ist heute noch nützlich, weil das Land trotz seines zum Beispiel an Diamanten reichen Bodens seinen BewohnerInnen meist nur ein sehr bescheidenes Auskommen ermöglicht[8].

 [9]

Bei der Errichtung Freetowns sind AbolitionistInnen und MissionarInnen Pate gestanden. Dass dabei mit viel Idealismus und Engagement zu Werke gegangen wurde, steht außer Frage. Durchaus auch unter Einsatz des eigenen Lebens. Insbesondere für MissionarInnen erwies sich Sierra Leone als “Friedhof der Weißen“: Von den zur Bekehrung der AfrikanerInnen Aufgebrochenen überlebte manchmal nicht einmal die Hälfte.

Dass es mit der Selbstbestimmung nicht so weit her war, wie die Erfinder des Projekts Sierra Leone ursprünglich geplant und versprochen hatten, merkten die SiedlerInnen schon bald. Und sie nahmen das nicht so einfach hin. Im Jahr 1800 kam es zum Aufstand gegen die Herrschaft – vor allem die SiedlerInnen aus Neuschottland waren es, die rebellierten. Nur mit Mühe konnte die Ordnung[10] wiederhergestellt werden – wären da nicht gerade die nächsten EinwanderInnen gekommen, die Maroons, die sich instrumentalisieren ließen, wer weiß, ob die Geschichte Freetowns nicht eine ganz andere geworden wäre.

Am anderen Ende des Jahrhunderts, 1898, wiederholte sich dann dieser Widerstand gegen die wenig zuvor aufgezwungene britische Herrschaft[11] – da erhob sich das Hinterland gegen die neuen Herren. Die erwiesen sich freilich als waffentechnologisch deutlich überlegen.

Nicht nur in Sachen Selbstbestimmung entpuppten sich die Vorstellungen derer, die das Freetown-Projekt konzipiert hatten, als nicht realisierbar. So waren die SiedlerInnen denkbar schlecht für tropische Landwirtschaft ausgerüstet. Aus ihrer eigentlich vorgesehenen Selbstversorgung wurde nie etwas. Die meisten bekehrten sich daher schnell zum Handel oder verdingten sich im Hafen oder auf Schiffen, beteiligten sich durchaus auch – solange das britische Verbot noch nicht galt oder noch nicht umgesetzt war – am SklavInnenhandel.

Was Erziehung betrifft, waren es die MissionarInnen, die erste Akzente setzten. Fürs Bibelstudium muss eineR freilich lesen können. Doch dann mischte sich der Staat ein – 1824 laisierte die Kolonialadministration die Schulen der Kolonie Freetown.

 [12]

Am 18. Februar 1827 gründete Charles L.D. Haensel, Priester der anglikanischen Kirche und Mitglied der Kirchlichen Missionsgesellschaft (Church Missionary Society/CMS[13]), in Cline Town[14] das Fourah Bay College um einheimische Lehrer und Missionare[15] auszubilden.

18 Jahre später, am 5. Februar 1845 legte der Gouverneur von Freetown den Grundstein für das vierstöckige Gebäude, das ein Jahrhundert lang die erste und einzige Institution tertiärer Bildung in Westafrika bleiben sollte. Das 7.000 Pfund teure Gebäude wurde am 1. November 1948 eingeweiht und bezogen[16] – in Europa herrschte da vielerorts Revolution.

Die Strahlkraft dieser Institution vor allem im britischen Westafrika kann kaum überschätzt werden. Ghana, Nigeria, Gambia[17] profitierten. Intellektuelle und AdministratorInnen wurden hier ausgebildet.

 [18]

Wegen des Zweiten Weltkrieges wurde das College 1939-45 ins Inland übersiedelt und in Mabang betrieben, etwa 45 km ost-süd-östlich von Freetown[19]. Und nach dem Krieg zog es auf die Spitze des Mount Aureol, der mit seinen 296 Metern das Stadtzentrum im Süden überragt.

15 Jahre lang waren Hörsäle und StudentInnen dort vor allem in früheren Armee-Baracken untergebracht.

 [20]

In den frühen 1960er Jahren wurde dann ausgebaut. USAID finanzierte ein Hochhausungetüm, das 1963 eingeweiht wurde. Dem in diesem Jahr umgebrachten US-Präsidenten zu Ehren heißt es heute noch John F Kennedy-Gebäude.

 [21]

Die Hälfte des Uni-Areals ist Urwald, der “botanische Garten“ – der Steilheit und Unwegsamkeit des Geländes verdankt der Wald wohl sein Überleben.

 [22]

Hier ein Blick vom Mount Aureol auf Freetown. In der rechten Bildmitte, links von den vier Kränen, die sich vom Meer abheben, ist bei adäquater Vergrößerung das alte College-Gebäude zu erahnen.

 [23]

Zurück in Freetowns Küstenebene. In dem Gebäude in Cline Town, das dem Fourah Bay College ein knappes Jahrhundert lang Heim war, hatten 1999 Bürgerkriegsflüchtlinge Unterschlupf gefunden. Aus offensichtlich bis heute ungeklärten Gründen – es handelte sich jedenfalls nicht um einen Angriff – kam es in dieser Zeit zu einem verheerenden Brand.

 [24]

Der Leuchtturm in Aberdeen am Nordwestzipfel Freetowns leuchtet nicht mehr. Zwar wurde er vor nicht langer Zeit renoviert[25] und mit Solarkollektoren ausgestattet und laut Wächter funktioniert auch alles. Doch ist er nicht in Betrieb. Das kann durchaus als Sinnbild gelesen werden: Seit dem Ende des brutalen Bürgerkriegs kurz nach der Jahrtausendwende[26] geht es zwar wieder aufwärts, aber von seiner überragenden Rolle im britischen Westafrika trennen Sierra Leone Lichtjahre.

 

Endnoten:

[1] Günther Lanier, Freie Stadt. Land der Verheißung, Radio Afrika TV 8.1.2020, http://alexisnshimyimanan5.sg-host.com/2020/01/08/freistadt/.

[2] Im Ausland wurden mehr sierra-leonische Zeitungen verkauft als im Inland. Siehe Joe A.D. Alie, A New History of Sierra Leone, Freetown (Sulaiman International) 2016 (revidierte und erweiterte Auflage), p.69. Ebd.: “Between 1850 and 1900, Freetown shone with a brilliance and held a place of importance quite out of proportion to its small size. It became the hub of the West African coast.”

[3] Und auch dann bestand noch ein Unterschied: zwischen der “colony“ = Freetown und dem “protectorate“ = Hinterland = Rest-Sierra Leone.

[4] Der Leuchtturm von Aberdeen im äußersten Nordwesten von Freetown. Foto GL 24.12.2019.

[5] Blick vom Leuchtturm auf das Wächterhäuschen und den hier ganz zahmen offenen Atlantik. Foto GL 24.12.2019.

[6] Siehe auch Caroline Shaw, Britannia’s Embrace: Modern Humanitarianism and the Imperial Origins of Refugee Relief, p.122, New York (Oxford University Press) 2015 (auf Google Books teilzugänglich).

[7] Bei der Missionierung Europas musste den HeidInnen ein Ersatz für die Muttergöttin angeboten werden. So wurde von der katholischen Kirche die eigentlich rein männliche Dreieinigkeit um die “Muttergottes“ erweitert. Mehrere Jahrhunderte später konnte sich der sehr viel strengere und kargere Protestantismus dieser Figur weitgehend entledigen.

[8] Im kürzlich erschienenen 2019er Index Menschlicher Entwicklung rangiert Sierra Leone auf Platz 181 (von 189 gereihten Ländern). Ebd., p.116 wird auf die Ungleichverteilung hingewiesen: Die reichsten 10% sichern sich 42% des sierra-leonischen Nationaleinkommens, die ärmsten 40% gerade einmal 12%.

[9] Marienstatue im rechten Flügel der achteckigen Our Lady Star of the Sea-Kirche. Foto GL 25.12.2019.

[10] Es war noch nicht die staatliche britische Ordnung, sondern die der Sierra Leone Company.

[11] Das britische Protektorat war offiziell 1896 eingerichtet worden.

[12] Das Gebäude, das 1848 bis 1939 das Fourah Bay College beherbergte. Foto Jared & Melanie & Huxley Ponchot, Jahr unbekannt – jedenfalls vor 1999, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Old_building_of_Fourah_Bay_College._Cline_Town,_Freetown,_Sierra_Leone.jpg.

[13] Anfänglich kam die Hälfte der MissionarInnen aus Deutschland.

[14] Heute am östlichen Rand des Zentrums von Freetown.

[15] Anfänglich nur Männer.

[16] Angaben nach Joe A.D. Alie, A New History of Sierra Leone, Freetown (Sulaiman International) 2016 (revidierte und erweiterte Auflage), p.64.

[17] Sie hießen damals freilich noch nicht so. Eine Zeit lang wurden diese Kolonien von Freetown aus regiert, das erwies sich aber schnell als nicht machbar – der Gouverneur von Sierra Leone hatte zu wenig Kontrolle über die anderen Kolonien.

[18] Ältere Gebäude des Fourah Bay College am Mount Aureol. Foto GL 1.1.2020.

[19] Siehe https://cdm16948.contentdm.oclc.org/digital/collection/p16948coll9/id/176 sowie http://www.thepatrioticvanguard.com/s-b-thomas-agricultural-academy-a-k-a-mabang-college.

[20] Wenig unterhalb des Colleges. Ein Bunker der britischen Armee. Foto GL 1.1.2020.

[21] Links das Verwaltungsgebäude, rechts hinten das John F. Kennedy-Gebäude des Fourah Bay College. Foto GL 1.1.2020.

[22] Der Botanische Garten des Fourah Bay Colleges. Auf dem Hügel im Hintergrund links stand früher Heddle’s Farm, heute sind nur mehr die Grundmauern zu sehen. Einst Teil des Fourah Bay Campus, wurde dieser Teil für Besiedlung umgewidmet. In Heddle’s Farm residierte die Vizegouverneursfrau, die nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien 1849 das Leben in der Kolonie beschrieb: Elizabeth Helen Melville, A Residence at Sierra Leone. Described from a Journal Kept on the Spot, and from Letters Written to Friends at Home. London (John Murray) 1849.

[23] Foto GL 1.1.2020.

[24] Foto GL 26.12.2019.

[25] Laut https://www.lightphotos.net/photos/displayimage.php?album=124&pid=6093 dürfte das 2010 gewesen sein. 1980 bis 2010 funktionierte der Leuchtturm nicht. 21 Meter über dem Meer leuchtete sein Licht, alle 15 Sekunden einmal. Siehe ebd. für weitere technische Angaben. Erbaut wurde der Leuchtturm allerdings nicht 1849, sondern schon 1812 und zwar von den Portugiesen, wenn wir einem am Leuchtturm selbst angebrachten Schild Glauben schenken wollen.

[26] Meist wird 2002 als Ende angegeben.

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