Radio Afrika TV

Die Fragilität afrikanischer Staaten. Des Friedensfonds jüngstes Ranking.

Günther Lanier, Ouagadougou, 3.6.2020.

Vor knapp drei Wochen hat der US-amerikanische Fund for Peace, ein regierungsnaher Thinktank, die 2020er Version seines Jahresberichtes mitsamt dem neuen “Index zerbrechlicher[1] Staaten“ veröffentlicht[2]. Ich widme mich hier seinem afrikanischen Teil.

Stürzen wir uns gleich in medias res. Der Index kennt elf Kategorien, nämlich:

In den obersten beiden Kategorien findet sich kein afrikanischer Staat, unter “sehr stabil“ ein einziger, Mauritius, unter “relativ stabil“ zwei, die Seychellen und Botsuana, für alle anderen spricht der Friedensfonds die Fragilität des Staates betreffend zumindest eine Warnung aus, so die AutorInnen des 2020er Jahresberichtes die Situation nicht gar als alarmierend einstufen.

Die folgende Afrika-Karte verwendet weitestgehend die Farbskala der Originalstudie. Weiß – also nicht geratet – bleiben die diversen Seen, die Westsahara und ausländischer Besitz wie zum Beispiel Mayotte, Réunion, St. Helena und die Kanarischen Inseln.

Der staatliche Fragilitätsindex des Friedensfonds-US-Thinktanks für Afrika. Am besten
schneidet Mauritius ab (dunkelgrün), am zweit- und drittbesten die Seychellen und Botswana
(hellgrün), dann die gelben, hell-, dunkelbraunen, altrosa, mittelroten und am schlechtesten
die tiefdunkelroten Südsudan und Somalia[3]. Somalia schließt auf dieser Karte Somaliland
ein – das tut Somaliland freilich Unrecht[4].

Je schlechter ein Land in diesem Ranking abschneidet, desto mehr handelt es sich um einen “failed state“, also um einen Staat, der versagt hat, der nicht tut, was ein Staat tun soll. Der englische Ausdruck ist auch im Deutschen üblich[5]. Ursprünglich hieß der Friedensfonds-Index auch “Failed State Index“, das wurde wohl aus diplomatischen Gründen geändert, denn wer will sich schon nachsagen lassen, versagt zu haben.

Der Index behandelt 178 Staaten weltweit. Finnland schneidet am besten ab, dahinter Norwegen und die Schweiz. Österreich kommt auf Platz 15, zwei hinter Deutschland, aber vier vor Frankreich, vierzehn vor Großbritannien und fünfzehn vor den USA. Die letzten beiden müssen sich Mauritius geschlagen geben (weltweit auf Platz 26).

Unter den Allerschlechtesten rangieren neben Südsudan (Platz 176) und Somalia (177) noch Syrien (175) und Jemen (Platz 178).

Wie bei allen Indizes ist der Index-Wert, der einem Land zugeteilt wird, in sich bedeutungslos – er kann nur für Vergleiche verwendet werden: mit anderen Ländern oder mit sich selbst im Lauf der Zeit. Gegenüber dem Vorjahresbericht des Friedensfonds haben sich in Afrika nach Einschätzung der AutorInnen der Studie Mosambik, Libyen und Burkina Faso am stärksten verschlechtert, während sich Kenia, Sudan und Senegal am meisten verbessert haben.

 [6]

Meine heutigen Löwenzahnsamen-Bilder geben meines Erachtens das Konzept der Fragilität unmittelbar wieder. Freilich gilt es aber zu bedenken, dass ein Löwenzahn seiner Bestimmung nachkommt, indem er die mit kleinen Fallschirmen ausgestatteten Samen freisetzt: Nur so kann es zur Vermehrung kommen. Der flauschige Ball des Löwenzahnkopfes – er könnte Länder wie Finnland, Norwegen und die Schweiz symbolisieren – ist also von Natur aus ephemer. Geht alles gut, dann wird er bald kahl und nackt dastehen.

Der staatlichen Zentralinstanz wünschen das weder Oppositionelle noch RebellInnen – die wollen ja nur die Macht übernehmen, nicht zerstören – und auch keine AnarchistInnen i.e.S., die die Macht ja nur grundlegend reformieren und durch eine von der Basis ausgehende neuartige Form ersetzen wollen[7]. Höchstens TerroristInnen haben den “nackten Staat“ zumindest als Kurzfristziel[8].

 [9]

Hier also sinnbildlich ein Land wie Somalia oder der Südsudan: oben der Prozess der Fragilisierung, unten der resultierende Fragilstzustand.

 [10]

Wie gut ein Index ist, hängt davon ab, wie gut er die Wirklichkeit nachbildet. Im vorliegenden Fall hat der Fund for Peace über die letzten Jahrzehnte einen aufwändigen Apparat geschaffen, der mittels dreier Methoden zwölf Subindizes konstruiert. Letztere sind wiederum aus über hundert Subsubindizes zusammengesetzt.

Die erste der drei zur Anwendung kommenden Methoden ist die Inhaltsanalyse, bei der ein Computerprogramm über 10.000 Quellen weltweit auswertet (das heißt, in Sub- und Subsubindikatoren umwandelt). Dazu zählen Artikel aus den Medien, Forschungsergebnisse, u.a.m. – interessanterweise nur in englischer Sprache[11].

Als Zweites werden statistische Daten herangezogen, insbesondere aus internationalen und multilateralen Quellen wie von den Vereinten Nationen, der Weltbank oder der Weltgesundheitsorganisation[12].

Und die dritte Methode ist eine qualitative Analyse. Bei dieser beurteilt ein aus SozialwissenschaftlerInnen zusammengesetztes Team die Vorkommnisse des letzten Jahres. Derartige menschliche Eingriffe sind bei der Index-Konstruktion essentiell, sind Computermodelle doch immer wieder fehleranfällig, was Einschätzungen, das heißt Quantifizierungen von Materialien betrifft, die letztlich mit Zahlen nichts am Hut haben[13].

 [14]

Die zwölf Subindikatoren sind in vier Klassen unterteilt: Kohäsion, Ökonomie, Politik und Soziales[15].

Unter Kohäsion rangieren die Sicherheitslage im Land[16], Elitenaufsplitterung (Fragmentierung entlang ethnischer, religiöser, rassischer Linien oder nach Klassenzugehörigkeit) und “Gruppenbeschwerden“: wie sehr es stark voneinander abgegrenzte soziale oder politische Gruppierungen gibt, die unterschiedlichen Zugang zu Dienstleistungen und Ressourcen haben.

Zum Ökonomie-Subindikator zählen wirtschaftlicher Niedergang (Einkommensverluste, wachsende Armut, steigende Arbeitslosigkeit, hohe Inflation, Vielzahl von Konkursen, usw.), ungleiche Entwicklung (wobei die Wahrnehmung von Ungleichheit wichtiger ist als ihr “objektives“ Ausmaß) sowie Flucht (aus welchem Grund auch immer) & brain drain.

 [17]

Unter dem politischen Subindikator ist zunächst “staatliche Legitimität“ gelistet, also das Vertrauen der BürgerInnen in den Staat, wie sehr sie ihn als den “ihren“ wahrnehmen. Dann kommen die öffentlichen Dienstleistungen: Ist das Angebot an Gesundheitsdiensten adäquat, das an Schulbildung, Wasser und Hygiene, Strom und Internetverbindungen? Gilt das z.B. für Land- und Stadtbevölkerung gleichermaßen? Sorgt der Staat für die Sicherheit aller? Und schließlich: Werden die Menschenrechte respektiert? Gilt im Land die Rechtsstaatlichkeit?

Unter Sozialem rangiert als erstes “demographischer Druck“: Können die staatlichen Leistungen mit der Bevölkerungsentwicklung, in Afrika meist mit ihrem Wachstum, Schritt halten? Alsdann Flüchtlinge aus dem Ausland und Binnenflüchtlinge. Kommen sie plötzlich und in großen Massen, so kann das die Ressourcen eines Staates – und damit meine ich keinesfalls die des österreichischen oder deutschen – überfordern. Und schließlich und zwölftens ist da der Subindikator “externe Interventionen“. Dabei kann es sich um Attacken ausländischer Truppen ebenso handeln wie um UNO-Friedensmissionen oder auch um Entwicklungszusammenarbeit oder humanitäre Interventionen.

 [18]

Das wär’s eigentlich. Wer sich für die Werte der Subindikatoren einzelner Länder interessiert, dem liefert die zweiseitige Tabelle auf pp.50f des Friedensfondsberichtes die entsprechenden Werte.

Außerdem gibt es im Mittelteil der Studie zweiseitige Analysen der Fragilität ausgewählter Länder. Was Afrika betrifft, sind fünf Staaten vertreten: Burkina Faso macht auf pp.19f den Anfang. Dann kommen Mosambik auf pp.23f, Libyen auf pp.27f, Sudan auf pp.33f und abschließend die Côte d’Ivoire auf pp.35f. Von den fünf habe ich nur die Burkina-Analyse gelesen – und finde, dass die wiedergegebene Einschätzung der Lage im Land nur sehr ungenügend entspricht.

Aber ich stehe ja auch nicht der US-Regierung nahe.

 

Endnoten:

[1] Das dem Artikel vorangestellt Foto zeigt einen Löwenzahnsamen samt Fallschirm, Foto arnie2105 am 12.5.2012, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dandelion_seed_floating.jpg.

[2] Fund for Peace (FFP), Fragile States Index. Annual Report 2020, Washington D.C. Mai 2020, 52pp., herunterladbar auf https://fragilestatesindex.org/2020/05/08/fragile-states-index-2020-annual-report/.

[3] Siehe dazu Günther Lanier, Staatsscheitern. Wo sich Gewalt bezahlt macht: Somalia, Südsudan u.a.m., Radio Afrika TV 14.11.2018, http://alexisnshimyimanan5.sg-host.com/2018/11/14/staatsscheitern/.

[4] Siehe dazu Günther Lanier, Ein Phantomland hat gewählt. Somaliland hält sich gut, Radio Afrika TV 22.11.2017, http://alexisnshimyimanan5.sg-host.com/2017/11/22/ein-phantomland-hat-gewahlt-somaliland-halt-sich-gut/.

[5] Die naheliegende Übersetzung “Staatsversagen“ ist nicht verfügbar, weil der Ausdruck in der Ökonomie schon anderweitig verwendet wird.

[6] Löwenzahnsamenkopf intakt, Foto Bjwhite66212 21.4.2020, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dandelion_Seed_Head.jpg.

[7] Siehe dazu zum vorkolonialen Ghana Günther Lanier, Wir sehen, was wir kennen. Rätedemokratie, nur nebenbei Königreich, Radio Afrika TV 31.1.2018, http://alexisnshimyimanan5.sg-host.com/2018/01/31/wir-sehen-was-wir-kennen/.

[8] Versuche, selbst staatsähnliche Strukturen zu errichten – vom Islamischen Staat (IS) in Syrien und Irak, von al-Qaida im Maghreb (AQMI)  in Mali – sind in der Vergangenheit recht schnell schiefgegangen.

[9] Löwenzahnsamen werden von ihren Fallschirmen davongetragen, Foto Alex Valavanis 25.4.2011, überarbeitet und zugeschnitten GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dandelion_seed_dispersal.jpg.

[10] Nahezu samenloser Löwenzahnkopf, Foto John Tann 20.4.2014, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Unbranched_dandelion_seed_(13887031789).jpg.

[11] Siehe Fund for Peace (FFP), Fragile States Index. Annual Report 2020, Washington D.C. Mai 2020, p.40, herunterladbar auf https://fragilestatesindex.org/2020/05/08/fragile-states-index-2020-annual-report/.

[12] Ob der Friedensfonds diese letzte Quelle weiter anzapfen wird dürfen, wo die USA jetzt doch tatsächlich ausgestiegen sind, bleibt zu sehen.

[13] Der FFP ist diesbezüglich ungewohnt offenherzig: “this step helps to ensure that dynamic year-on-year trends across different indicators are picked up – which may not be evident in lagging quantitative data sets that measure longer term structural factors. It also helps to mitigate any potential false positives or negatives that may emerge from noisy content analysis data.“ Fund for Peace (FFP), Fragile States Index. Annual Report 2020, Washington D.C. Mai 2020, p.40.

[14] Löwenzahnfallschirme und links unten ihre im Kopf steckenden Samen, Foto von che 16.5.2006, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dandelion_clock_detail.jpg.

[15] Letzterer inkludiert auch andere Querschnittsthemen – “cross-cutting indicators“. Zu den Subindikatoren siehe Fund for Peace (FFP), Fragile States Index. Annual Report 2020, Washington D.C. Mai 2020, pp.41-49.

[16] Der Name “Sicherheitsapparat“ (security apparatus) führt m.E. in die Irre, repräsentiert dieser doch nur einen Teil des Ganzen.

[17] Löwenzahnsamen im Löwenzahnkopf, Foto Richard Bartz 10.5.2007, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_Taraxacum_Ruderalia_dandelion_clock.jpg.

[18] Löwenzahnsamenfallschirme voller Tau, Foto James Mann 10.7.2013, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dandelion_Seed_Head_Covered_In_Dew_(9262004825).jpg.

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