Radio Afrika TV

Die Siddi. Schwarze InderInnen afrikanischer Herkunft

image_pdfPost herunterladenimage_printPost drucken

Günther Lanier, Ouagadougou, 29.7.2020.

Baobabs stammen zwar aus Afrika, wachsen aber auch in Indien[1]. Umgekehrt haben Mangobäume ihren Ursprung am indischen Subkontinent, heutzutage gedeihen sie aber in Afrika meist besser als in Indien.

Migration bewährt sich und trägt Früchte.

Die Integration Subsahara-Afrikas in den Weltmarkt fand lange vor der europäischen “Entdeckung“ statt[2]. Dabei diente nicht der Atlantik, sondern der Indische Ozean als Mittler. Wie viel früher an der afrikanischen Ostseite transkontinentale Kontakte bestanden, dafür sind zum Beispiel die Besiedlung Madagaskars aus Südostasien[3] und die südindischen Funde von Münzen aus Aksum (Äthiopien) aus dem 4. Jahrhundert nach der Zeitenwende zwei kleine Hinweise.

Ein wichtiger Gehilfe bei diesen Kontakten war der Monsun. Der bläst einen Teil des Jahres (im europäischen Winter) aus dem Nordosten, also in Richtung Ostafrika, und einen Teil des Jahres (im europäischen Sommer) aus dem Südwesten, also von Ostafrika Richtung Indien. Das erleichterte den Handel. Der Indische Ozean gilt als Wiege der Globalisierung.

Als portugiesische ”Entdecker” Ende des 15. Jahrhunderts schließlich das Kap der Guten Hoffnung umschifften und Ostafrika erreichten, konnten sie sich für die Weiterfahrt nach Indien und Südostasien auf muslimische Händler und deren Fachwissen verlassen. Da ging es zunächst um Handel. Dessen Stützpunkte wurden – anders als die seit Langem bestehenden muslimischen – in der Folge zu kolonialen Besitzungen ausgebaut, in Asien sehr viel früher als in Subsahara-Afrika.

 [4]

In Indien und Pakistan lebt heute weitverstreut eine schwarzafrikanische Gemeinschaft, Siddi werden sie meist genannt, auch Habshi oder (in Pakistan) Makrani. Wie viele es sind, ist nicht bekannt, jedenfalls zigtausende. Auch wenn es hunderttausende sein sollten[5], wäre das angesichts der 1,5 Milliarden InderInnen und PakistanerInnen eine kleine Minderheit.

In Indien ist das Farbbewusstsein sehr ausgeprägt, was die Hautfarbe betrifft. Das Hindi-Wort für Kaste ist “varna“ und das bedeutet nichts Anderes als “Farbe“. Im täglichen Leben ist es tatsächlich so, dass Unbekannte zunächst nach der Dunkelheit ihrer Haut eingestuft werden: je heller, desto höher in der strikten sozialen Ordnung und Schichtung, die die Kastenhierarchie mit sich bringt.

Keine gute Voraussetzung für Schwarze aus Afrika.

In Indien wurden die Siddi in die “scheduled castes and tribes“ eingeordnet, übersetzt bedeutet das so viel wie “verzeichnete“ oder “gelistete Kasten und Stämme“. Diese Bezeichnung (sie impliziert gewisse Maßnahmen positiver Diskriminierung staatlicherseits) umfasst die Untersten der Kastenhierarchie (sogenannte “Kastenlose“ oder auch “Unberührbare“) und Ethnien, die nicht Teil des Kastensystems sind[6]. Gemeinsam machen diese über 1.000 scheduled castes and tribes etwa ein Viertel der indischen Bevölkerung aus.

 [7]

Die Siddis sind als HändlerInnen, Seeleute und Söldner aus ihrer ostafrikanischen Heimat hierhergekommen oder, unfreiwillig, als SklavInnen. Im frühen siebten Jahrhundert sollen die ersten in Bharuch, einer Hafenstadt in Gujarat (West-Indien), gelandet sein, verstärkt dann mit der arabisch-muslimischen Eroberung, die ein knappes Jahrhundert später in Sindh im heutigen Pakistan begann[8].

In den vielen Jahrhunderten, die seitdem vergangen sind, ist es zu vielfachen Durchmischungen gekommen, auch im kulturellen Bereich. Was bis zum heutigen Tag am stärksten “afrikanisch“ geblieben ist, sind Musik und Tanz der Siddi. Was aber zum Beispiel die Kleidung oder das Essen betrifft, haben sich die Siddi an die Sitten des indischen Subkontinents angepasst.

 [9]

SklavIn-Sein bedeutete in Indien kein so arges Schicksal wie in den Americas. Meist ließ die Freilassung nicht allzu lange auf sich warten. Und es gab auch “Elite-SklavInnen“: Zum Beispiel konnte ein Soldaten-Sklave, wenn er sich bewährte, durchaus zum General aufsteigen. Auch schätzten HerrscherInnen SklavInnen, weil sie als Fremde ohne familiäre Anbindung und ohne gesellschaftliche Einbindung oft treuer waren als einheimische Freie – ein ja auch innerhalb Afrikas bekanntes Phänomen. 2016 wurde in Delhi die Ausstellung “Africans in India: From Slaves to Generals” gezeigt[10], die diese weitgehend in Vergessenheit geratenen hohen Würdenträger in Erinnerung rufen sollte.

Jüngst wurde ein Siddi vom Gouverneur zum Mitglied des Oberhauses (Vidhana Parishad/Legislative Council) von Karnataka ernannt[11], ein südindischer Bundesstaat mit einer Bevölkerung von über 70 Millionen. Nach drei Jahrzehnten als Aktivist im Vanavasi Kalyana Ashram will der aus ärmlichen Verhältnissen stammende studierte Ökonom Shantaram Siddi seinen Einsatz für die Unterprivilegierten, die oben beschriebenen scheduled castes and tribes, nun in prominenter Funktion fortsetzen.

 [12]

Früher waren prominente Siddi deutlich dichter gesät.

War damals das Varna-System, die rigorose Sortierung und Hierarchisierung nach Farben im omnipräsenten Kastensystem noch weniger ausgeprägt?

Der 1548 oder 1549 östlich von Harar (wo später Arthur Rimbaud seine letzten Lebensjahre verbrachte) in Ost-Äthiopien geborene Malik Ambar wurde als Kind von seinen Eltern in die Sklaverei verkauft. Über die saudische Halbinsel gelangte er mit arabischen SklavInnenhändlern nach Indien und wurde dort 1570 von Chengiz Khan gekauft, dem Ersten Minister von Ahmadnagar (westlich von Bombay), selbst ein Siddi, der ihn unter seine Fittiche nahm und offensichtlich sein Geschäft gründlich beibrachte. Nach dem Tod Chengiz Khans wurde Malik Ambar von dessen Witwe freigelassen. Er stellte eine 1.500 Mann starke Truppe auf und verdingte sich bei lokalen HerrscherInnen. Unter anderem unterstützte er Chand Bibi, die Regentin von Ahmadnagar, gegen die Angriffe der nordindischen Moguln.

In der Folge wurde Malik Ambar selbst Erster Minister von Ahmadnagar und erwies sich bis zu seinem Tod 1626, fast 80-jährig, auch in politischen und administrativen Angelegenheiten als überaus kompetent.

 [13]

1617 ernannte Malik Ambar den ebenfalls aus Äthiopien stammenden Siddi Amber Sahnak zum Gouverneur von Janjira, einem strategisch bedeutenden, uneinnehmbaren Fort an der Küste ca. 75 km südlich von Bombay. Dieser Amber Sahnak begründete die Siddi-Dynastie des Fürstentums Murud-Janjira, das noch unter der britischen Kolonialherrschaft als unabhängiges Fürstentum fortbestand und erst mit der indischen Unabhängigkeit 1947 Teil des indischen Bundesstaates Maharashtra wurde.

 [14]

Um einiges früher, zu Beginn des 13. Jahrhunderts, lebte in Delhi der Siddi-Sklave Jamal-ud-Din Yaqut, circa 1200 bis 1240 war das. Ihm gelang es, sich am Hof des Mamluk-Sultans hochzudienen.

Die erste Frau, die am indischen Subkontinent in einem Sultanat die Herrschaft ausübte, Razia Sultana, machte ihn zu ihrem wichtigsten Ratgeber.

Und vielleicht auch zu ihrem Liebhaber.

Yaquts Aufstieg in der höfischen Hierarchie schuf viel böses Blut. Da Razia Sultana auch sonst vielfach gegen angestammte Interessen vorging, kam es zu einer Rebellion. Yaqut wurde im April 1240 am Schlachtfeld getötet, Razia Sultana gefangengenommen und abgesetzt. Wieder befreit, starb Razia Sultana im Oktober 1240 beim Versuch, ihre Herrschaft wiederzuerlangen, auch sie am Schlachtfeld.

 [15]

Sidi Sayyid war ein als gebildeter Mann bekannter Gefolgsmann Bilal Jhajar Khans, eines Generals im Heer des letzten Sultans von Gujarat, Shams-ud-Din Muzaffar Shah III. Er hat in Ahmedabad 1572/73 eine ihrer bekanntesten Moscheen gebaut, die nach ihm Sidi Saiyyed-Moschee genannt wird. Er selbst, 1576 verstorben, liegt an der Nordseite des Moscheegrundstücks begraben.

Der sonst eher unscheinbare Moscheebau indo-islamischer Architektur verfügt in seinem Inneren über zwei der schönsten und berühmtesten Jali-Fenster der islamischen Kunst.

Jalis sind Gitterfenster. Auf Sanskrit, dem Latein Indiens, also der Sprache für Rituelles, bedeutet jāla “Netz“ oder “Gitter“. Es handelt sich um den Raum begrenzende oder teilende senkrechte Bauelemente mit einer durchbrochenen, gitterartigen Struktur, häufig aus fein gearbeiteten geometrischen Ornamenten oder aus floralen Motiven, die in bewegten, gerundeten Formen Bäume oder Blumen zeigen[16].

Hier das Foto des Sandstein-Jalis in einer der fünf Lünetten[17] in der Westwand der Moschee. Es zeigt einen blühenden Baum, dessen sich windendes und ineinander verschlingendes Astwerk bis auf den Boden herabhängt, wobei die Zweige immer dünner und zierlicher werden. Der Baum kann als Sinnbild des Paradieses gedeutet werden, das ja nach der Vorstellung des Korans als Garten zu verstehen ist.

 [18]

Endnoten:

[1] Das dem Artikel vorangestellte Foto zeigt einen Baobab (Adansonia digitata) in Jhusi Prayagraj, SO-Uttar Pradesh, in der Nähe des Ganges-Ufers, Foto ptwo (Girish Kulkarni und Nishita Desai) 20.2.2011, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1026_Allahabad_(5462122528).jpg.

[2] Isabel Hofmeyr, Charne Lavery, Exploring the Indian Ocean as a rich archive of history – above and below the water line, The Conversation 7.6.2020, https://theconversation.com/exploring-the-indian-ocean-as-a-rich-archive-of-history-above-and-below-the-water-line-133817.

[3] Die dem Malagasy nächstverwandten Sprachen werden in Borneo (Indonesien) gesprochen. Wann die Besiedlung stattfand, ist umstritten, jedenfalls jedoch deutlich vor dem Ende des ersten Jahrtausends nach der Zeitenwende.

[4] Sultan Muhammad Adil Shah von Bijapur (heute Vijayapura, im indischen Bundesstaat Karnataka) und Afrikanische Höflinge, ca. 1640, Künstler unbekannt, Foto: British Library Board, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sultan_Muhammad_Adil_Shah_of_Bijapur_and_African_courtiers,_ca,_1640.jpg?uselang=de.

[5] Laut dem weiter unten zitierten BBC-Artikel sind es etwa 50.000, laut https://en.wikipedia.org/wiki/Siddi 270.000-350.000, laut deren deutschen Widerpart https://de.wikipedia.org/wiki/Siddi_(Volk)#cite_note-ENC-2 nicht einmal ein Zehntel davon, 20.000-30.000.

[6] Weiße müssten eigentlich auch unter “scheduled tribes“ fallen, werden als Fremde jedoch nicht einbezogen. Das Kastensystem ist eine hinduistische Einrichtung, de facto wird es aber auch von indischen MuslimInnen und ChristInnen “praktiziert“.

[7] Siddi-Jugendliche in Sasan Gir, Süd-Gujarat, West-Indien. Foto Nagarjun Kandukuru 1.1.2015, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Siddi_community_(16527139018).jpg?uselang=de.

[8] Die Provinz Sindh im heutigen Pakistan wurde 712 muslimisch. Ab der Jahrtausendwende gab es immer wieder islamische Vorstöße nach Nord-Indien, 1192 kam es dann zu einer dauerhaften islamischen Besetzung. Zur Ankunft der ersten Siddis siehe Yatin Pandya, Trupti Rawal, The Ahmedabad Chronicle, Imprints of a Millennium, Ahmedabad (Vastu Shilpa Foundation) 2002, zitiert im englische Siddi-Wikipedia-Eintrag, Fn.18.

[9] M. V. Dhurandhar, Siddi in Bombay, Illustration aus S.M. Edwardes, By-Ways of Bombay, Bombay (D.B. Taraporevala & Sons) 1912, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sidis_of_Bombay.jpg?uselang=de.

[10] Das geschlechtsneutrale Englisch ist im Vorteil: “AfrikanerInnen in Indien: von Sklaven zu Generälen“ klingt falsch, in der Ausstellung ging es durchaus auch um Frauen, aber es wurden wohl keine Sklavinnen zu Generalinnen. Eventuell ließe sich der Name der Ausstellung frei übersetzen mit “AfrikanerInnen in Indien: aus der Sklaverei in den Generalstab“.

[11] Auf seine Spur hat mich ein BBC-Kurzartikel gebracht (BBC, Activist becomes India’s first lawmaker of African origin, BBC Africa live 24 July 2020 um 11h18). Mehr Informationen finden sich z.B. auf https://www.deccanherald.com/state/top-karnataka-stories/siddi-pride-shantaram-is-now-an-mlc-864423.html oder https://www.financialexpress.com/india-news/who-is-shantarama-siddi-the-first-from-siddi-community-in-karnataka-to-become-a-lawmaker/2032967/.

[12] “Yasmin, afrikanische Königin (zweite von rechts) und afrikanischer Eunuch (vierter von rechts) am Hof Wajid Ali Shahs“, aus dem Royal Collection Trust/© Queen Elizabeth II 2013, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:African_eunuch_(3rd_from_left)_and_African_queen_Yasmin_(2nd_from_right)_at_the_court_of_Wajid_Ali_Shah.jpg?uselang=de.

[13] Malik Ambar ca.1624/25, Wasserfarben auf Papier, aus der Sammlung des Londoner Victoria and Albert-Museums, Nr.IM.21-1925, Foto bridgeman berlin ohne Datum, überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Malik_amber_ahmadnager_hi.jpg.

[14] Die Janjira-Festung. Foto Sagar Jadhav 31.3.2012, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fort_Janjira_Unconquered.JPG

[15] Die Sidi Sayyid-Moschee, Foto Venkygrams 14.1.2018, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ahmedabad_-_Sidi_Saiyyed_Mosque_2.jpg?uselang=de

[16] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Jali_(Architektur)

[17] Lünetten sind halbkreisförmige Wandfelder, häufig (hier aber nicht) über Fenstern oder Türen, häufig verziert. Die folgende Beschreibung des Jali-Fensters folgt teils wörtlich derer auf https://de.wikipedia.org/wiki/Sidi-Saiyyed-Moschee_(Ahmedabad).

[18] Eines der Jali-Fenster, Detail der Sidi Sayed-Moschee in Ahmedabad, Foto Vrajesh jani 18.2.2012, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mosque_of_Sidi_Sayed_Jaali.JPG.

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on skype
Share on telegram

Newsletter Abonnieren

Bleiben Sie mit unserem monatlichen Newsletter über unsere Arbeit informiert!