Radio Afrika TV

Freie Stadt.

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Land der Verheißung.

Günther Lanier, Ouagadougou, 8.1.2020.

1787. In Paris ist es fast Zeit für die Französische Revolution. Etwas weiter nördlich, in England, machen sich am 8. April 411 SiedlerInnen per Schiff auf den Weg, ganz überwiegend Schwarze[1]. Am 10. Mai kommen sie vor der Küste des heutigen Freetown an[2]. Sierra Leone, “Löwenberge“, hat einst ein portugiesischer Seefahrer das Land vom Meer aus getauft[3]. Am 11. Mai 1787 begibt sich Kapitän T. Bouldon Thompson an Land, um mit dem hier zuständigen Temne-König[4] Tom zu verhandeln. 16 km Küste, 32 km ins Land hinein, werden ihm zugestanden. Handelsware im Wert von 59 Pfund (insbesondere Schmuck, Eisenbarren, Tabak, Rum) kostet ihn das Recht, hier zu siedeln. Am 15. Mai gehen die ImmigrantInnen von Bord. Durch den Wald bahnen sie sich ihren Weg bis zu einem riesigen Kapok-Baum, nahe dem State House genannten heutigen Präsidentenpalast. Dort pflanzen sie die britische Fahne.

 [5]

In der Satten Welt ist die Sklaverei im Niedergang begriffen. Diese Form der Verwertung menschlicher Arbeit entspricht dem aufstrebenden kapitalistischen Weltsystem immer weniger (auch wenn es in den Kolonien in Form von Zwangsarbeit noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts fortbestehen wird). Die AbolitionistInnen wirken auf ein Verbot der Sklaverei hin. Die Französische Revolution wird sie verbieten – Napoleon kurz darauf wieder einführen[6]. Speerspitze des Kampfes für die Abschaffung und die Befreiung von SklavInnen ist Großbritannien. 1833 wird dort vom Parlament der für das britische Kolonialreich geltende Slavery Abolition Act beschlossen[7].

Der Ort, den die SiedlerInnen 1787 bauen, wird von ihnen Granville Town genannt, zu Ehren von Granville Sharp, dessen Traum einer “Provinz der Freiheit“ bei der Entstehung der Freetown-Kolonie Pate gestanden hatte. Von dort aus, so Sharp, würden sich ChristInnentum und europäische Zivilisation in Afrika ausbreiten. Sharp entwarf auch eine Verfassung für die SiedlerInnen, die eine Selbstregierung nach englischen Bräuchen, Gesetzen und Traditionen vorsah. Last but not least kümmerte er sich um die Finanzierung – die britische Regierung übernahm diese, circa 15.000 Pfund kostete das Unternehmen.

Doch machen wir uns bei allem Respekt für Granville Sharp und seine abolitionistischen KollegInnen keine Illusionen: Die Auswanderung der schwarzen ehemaligen SklavInnen wurde nicht aus Menschenliebe finanziert, sondern um sich dieser nicht in die Londoner Gesellschaft passenden Armen und potentiellen UnruhestifterInnen zu entledigen[8].

Das Etablieren der Kolonie stieß auf erhebliche Schwierigkeiten. In den ersten vier Monaten nach der Ankunft starben 86 SiedlerInnen an der Ruhr oder an Malaria (ähnlich viele hatten die Seereise nicht überlebt). Dann funktionierte der Anbau britischen Saatgutes unter tropischen Bedingungen nicht, der Hunger trieb viele zur Arbeit auf vorbeikommenden (auch: SklavInnen-)Schiffen oder sie tauschten bei den Einheimischen ihren Besitz gegen Reis. Die Beziehungen zu den Temne[9] waren nicht immer konfliktfrei, die Siedlung wurde 1790 einmal niedergebrannt. 1794 wurde die Kolonie zwei Wochen lang von französischen Schiffen bombardiert bis sie in Ruinen lag. Doch Freetown – wie das wiederaufgebaute Granville Town seit 1792 hieß – überlebte, ab 1. Jänner 1808 nicht mehr als privates Unternehmen, sondern nunmehr als britische Kronkolonie.

 [10]

Durch das hier abgebildete Portal wurden Ex-SklavInnen ins Land geschleust. Hier wurden sie medizinisch untersucht und blieben in Quarantäne, bevor sie sich unter die BewohnerInnen mischen durften. “Königliches Spital und Asyl für AfrikanerInnen, die britische Tapferkeit und Menschenliebe vor der Sklaverei gerettet haben“, lautet die patriotische Inschrift. “Errichtet 1807, seine Exzellenz, Oberstleutnant MacCarthy“.

 [11]

Vier Einwanderungs“wellen“ hat Freetown erlebt. Nach den ursprünglichen SiedlerInnen (“Original Settlers“) aus London kamen 1792 NeuschottländerInnen (Nova Scotians) aus Ost-Kanada. Es handelt sich um ehemalige SklavInnen, die im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1775 bis 1783 gegen das Versprechen von Freiheit und Landzuteilung auf Seite der britischen Truppen gekämpft hatten. Nach der britischen Niederlage waren sie in Kanada untergebracht worden. Doch vieles lief schief oder schlecht bei ihrer Ansiedlung in Nova Scotia, eine Beschwerdemission wurde nach London geschickt. Daraufhin wurde Leutnant John Clarkson, ein begeisterter Abolitionist, geschickt, um für die Übersiedlung nach Freetown zu werben. Er war überaus erfolgreich. Auch NeuschottländerInnen, denen wie versprochen Land zugeteilt worden war und die ihre Integration in die kanadische Gesellschaft begonnen hatten, zogen es meist vor, in die Freie Stadt zu übersiedeln. “Clarkson bot ihnen nicht bloß Land, sondern das Land der Verheißung“[12] – in der neuen afrikanischen Heimat würden sie wirklich frei und selbstbestimmt leben können.

Ungefähr 1.200 NeuschottländerInnen erreichten am 28. März 1792 ihr Gelobtes Land – von da an hieß die Kolonie Freetown[13].

 [14]

Nach ihnen kamen die Maroons – jamaikanische SklavInnen, die geflohen waren und im Landesinneren frei lebten. Ende des 18. Jahrhunderts hatten sie den britischen Truppen lange erfolgreich Widerstand geleistet, doch 1796 mussten sie sich ergeben und ein Teil wurde nach Neuschottland ausgesiedelt. Im Jahr 1800 kamen 550 dieser neuschottländischen Maroons in Freetown an[15].

 [16]

Das Westafrika-Geschwader der britischen Marine hatte den Auftrag, SklavInnen-Schiffe aufzubringen und ihre Menschenladung in Freetown freizusetzen. Diese SklavInnen hatten also nie ihre amerikanische Bestimmung erreicht, waren vorher befreit worden. Sie werden als “Befreite AfrikanerInnen“ bezeichnet, öfter aber als “Recaptives“, also als “Wieder-Gefangene“ oder “Abermals-SklavInnen“: Die doppelte Verneinung der Freiheit bedeutet das Ende der Sklaverei.

Diese Recaptives stellen die vierte Einwanderungsgruppe dar. Sie bewirkten einen beträchtlichen Anstieg der Bevölkerung Freetowns: Von etwa 2.000 im Jahr 1807 nahm diese bis 1825 auf 11.000 und bis 1840 auf 40.000 zu[17].

Ergebnis der vier Immigration sind die Krio sprechenden Krio. Die namensgebenden Kreolsprachen entstanden aus mehreren Sprachen. Im Fall der Krio dominierte das Englische, Aussprache und Grammatik unterscheiden sich aber deutlich. Die Kultur der Krio ist eine ausgesprochen plurikulturelle, mit Wurzeln in Afrika (Einflüsse insbesondere aus dem sierra-leonischen Hinterland und von den Yoruba), Jamaika und der Satten Welt. Unter der ganz überwiegend christlichen[18] Oberfläche schlummert viel Afrikanisches. So gibt es am Wochenende zwei “Hauptmahlzeiten“: Außer dem christlichen Sonntagmittagessen gibt es das afrikanische Samstagmittagessen, das kein Familienmitglied versäumen möchte. Am Sonntag wird traditionell Eintopf (stew) mit Reis[19] serviert, am Samstag “Foofoo and Plasas“, Maniok-Polenta mit Sauce[20].

Die Krio stellen im heutigen Sierra Leone eine Minderheit dar. Knapp 100.000 sollen sie sein unter den über 7 Millionen Sierra-LeonerInnen. Ihre Sprache ist aber im ganzen Land Verkehrssprache.

Das britische Interesse beschränkte sich die längste Zeit auf Freetown. Erst spät, im Wesentlichen ab der Berliner Konferenz 1884-85 wurde das Hinterland kolonisiert. 1896 wurde für den Rest des Landes das Sierra Leone-Protektorat eingerichtet. Zur Kolonialzeit – sie dauerte bis 1961 – dominierten die Krio die anderen Einheimischen, wenn sie auch von den britischen Behörden nie wirklich an der Macht beteiligt wurden. Gegen Ende der Kolonialzeit, als immer mehr demokratische Elemente eingeführt wurden, hörte sich diese Dominanz im politisch-administrativen Bereich auf. Seit der Unabhängigkeit war auch nie einE Krio PräsidentIn.

 [21]

Endnoten:

[1] Siehe Joe A.D. Alie, A New History of Sierra Leone, Freetown (Sulaiman International) 2016 (revidierte und erweiterte Auflage), p.45f.

[2] Das dem Artikel vorangestellte Foto gibt einen Blick ins Land hinein wieder nahe des Hafens von Kent, an der Südspitze der Freetown-Halbinsel, Foto GL 30.12.2019. Abgesehen von Freetown und der Küstenebene ist das Innere der Halbinsel noch heute überraschend unberührt, die Berge sind vielfach urwaldbewachsen.

[3] Es handelt sich um Pedro da Cintra und “Sierra Leone” ist eine Weiterentwicklung des ursprünglichen “Sierra Lyoa”. Ob es die Form der von der Küste recht unvermittelt bis zu über 800 Meter aufsteigenden Berge der Freetown-Halbinsel waren, die Pedro da Cintra zu dem Namen inspirierten, ist umstritten. Siehe zum Beispiel https://www.visitsierraleone.org/background-information/history/.

[4] “King Tom“ wird er genannt. Dass er nur “sub-chief“ ist – sein Vorgesetzter ist zu diesem Zeitpunkt nicht verfügbar – wird in der Folge abermalige Verhandlungen über die Land-Rechte erfordern.

[5] Der “Cotton Tree“ (Kapokbaum) ist einer der Orientierungspunkte im heutigen Freetown. Ob es wirklich er war, unter dem sich die ursprünglichen SiedlerInnen (“Original Settlers“) nach erster getaner Rodungsarbeit versammelten, ist umstritten. Das für Normalsterbliche nicht zugängliche State House befindet sich hinter den Gebäuden im rechten Bildteil. Foto GL 26.12.2019.

[6] Siehe hierzu auch Günther Lanier, Haiti oder die grausame Rache der Ex-Kolonialherren. Schlechter Verlierer Frankreich, Teil II, Radio Afrika TV 15.11.2017, http://alexisnshimyimanan5.sg-host.com/2017/11/15/haiti-oder-die-grausame-rache-der-ex-kolonialherren-schlechter-verlierer-frankreich-teil-ii/.

[7] Dänemark hat Sklaverei 1792 verboten, Großbritannien intern 1807.

[8] Siehe Joe A.D. Alie, A New History of Sierra Leone, Freetown (Sulaiman International) 2016 (revidierte und erweiterte Auflage), p.45. Auch F.C. Steady argumentiert in ihrer Einleitung (p.2) so. Filomina Chioma Steady, Krio Women of Sierra Leone. Embracing a Culture of Many Parts, 2nd edition, Ronkonkoma, NY (Linus Learning) 2017. Sie beruft sich dabei auf eine Quelle, die nicht von den “Original Settlers”, sondern von der zweiten und dritten EinwanderInnen-Wellen handelt: M. Campbell, Back to Africa. George Ross and the Maroons: From Nova Scotia to Sierra Leone, Trenton, New Jersey (Africa World Press) 1993.

[9] Noch heute eine der beiden zahlenmäßig dominanten Ethnien/Sprachen Sierra Leones, vor allem im Norden (Süden: Mende). Temne und Mende stellen jeweils circa ein Drittel der Bevölkerung des Landes. Laut Joe A.D. Alie, A New History of Sierra Leone, Freetown (Sulaiman International) 2016 (revidierte und erweiterte Auflage), p.7 sind heute weitere 16 Sprachen in Sierra Leone heimisch.

[10] Gateway to the King’s Yard, heute ist hier die Augenklinik des Connaught-Spitals untergebracht. Foto GL 31.12.2019.

[11] Laut Joe A.D. Alie, a.a.O., p.57 allerdings erst 1819 oberhalb des Gateway to the King’s Yard angebrachte Inschrift. Foto GL 31.12.2019.

[12] Joe A.D. Alie, A New History of Sierra Leone, Freetown (Sulaiman International) 2016 (revidierte und erweiterte Auflage), p.48. Hierher auch mein heutiger Titel.

[13] Sie waren es, die Granville Town wiederaufbauten und umtauften. Die ursprünglichen SiedlerInnen hatten sich nach der Zerstörung der ersten eine neue Granville Town in der Fourah-Bucht errichtet.

[14] Die Schritte diese Treppe hinauf führten in die Freiheit: Die Freedom Steps (fälschlicherweise oft auch “Portugiesische Stiege“ genannt) am Government Wharf, der Regierungsanlegestelle, wurden vom britischen Gouverneur MacCarthy allerdings erst 1818 gebaut, da waren sowohl NeuschottländerInnen als auch Maroons schon angekommen. Foto GL 31.12.2019.

[15] Eine der ältesten Kirchen Freetowns trägt die Maroons im Namen: St John’s Maroon Church wurde circa 1820 gebaut (die älteste, noch heute bestehende Kirche wurde 1808 in Regent, einem Ort südlich außerhalb Freetowns gebaut). Hier ist sie, frisch geweißt:

St John’s Maroon Church, Fotos GL 26.12.2019.

[16] Dieselben Freedom Steps von oben. Foto GL 31.12.2019.

[17] Joe A.D. Alie, A New History of Sierra Leone, Freetown (Sulaiman International) 2016 (revidierte und erweiterte Auflage), p.57.

[18] Es gibt auch eine Minderheit muslimischer Krio, die Oku.

[19] Reis ist das Grundnahrungsmittel Sierra Leones.

[20] Zur Kultur der Krio – mit Fokus auf die Frauen – siehe das bereits erwähnte Buch Filomina Chioma Steady, Krio Women of Sierra Leone. Embracing a Culture of Many Parts, 2nd edition, Ronkonkoma, NY (Linus Learning) 2017.

[21] Blick von der Südspitze der Freetown-Halbinsel (Kent) auf die Banana Islands. Foto GL 30.12.2019.

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