Radio Afrika TV

Grenzen errichten. Grenzen sprengen.

Günther Lanier, Ouagadougou, 14.10.2020

Um das Coronavirus am Reisen zu hindern, sind 2020 viele staatliche Grenzschranken zugegangen. Noch sind nicht alle Grenzen wieder überschreitbar[1]. Manchen unter uns ist das völlig egal. Andere hindert es am Leben.

Auf dem afrikanischen Kontinent wurden die meisten territorialen Grenzen von Kolonialherren errichtet. Denen ging es um Inbesitznahme von Land als Voraussetzung für die Ausbeutung. Nach afrikanischen Vorstellungen – wenn so eine grobe Verallgemeinerung zulässig ist – gab es an Grund und Boden, bevor die Weißen auftauchten, kein Eigentum. Typischerweise wurde Land Großfamilien zur Nutzung überlassen, durchaus auch auf Dauer, aber es war nicht veräußerbar, war keine Ware. Oft gab es im Dorf neben dem Dorfchef einen “Erdherren“, der für alles zuständig war, was mit der Erde, ihrer Zuteilung und den für sie nötigen Riten zu tun hatte. Diese Funktion war meist einem Abkömmling der ErstbesiedlerInnen vorbehalten – Eroberer begnügten sich mit der politischen Macht.

Traditionelle Systeme des Umgangs mit Grund und Boden sind auch heute vielfach noch wirksam, je weiter von der Stadt entfernt, umso mehr. Sie werden aber auch im entferntesten Dorf zusehends von Gesetzen überlagert, die modern-kapitalistischen Vorstellungen entsprechen.

Staaten mit ihren Territorien aber gibt es heutzutage flächendeckend, afrika- wie weltweit. Grenzen wurden gezogen, teils beliebig, und sie gelten für alle, da ist kein Entkommen.

 
Grafik Bartz/Stockmar (M), CC BY 4.0 [2]

Bemühen Sie sich nicht, diese Karte im Detail zu lesen, sie kommt später in ihren Teilen größer nochmals. Sie entstammt dem Atlas der Staatenlosen, den die Rosa Luxemburg-Stiftung soeben herausgebracht hat. Sie zeigt den Großteil der Sahara und des Sahel, nur im Norden und im Osten ist sie diesbezüglich nicht vollständig.

Es geht der Karte um die Nicht-Sesshaften. Um die NomadInnen.

Theoretisch sind Menschen “ihren“ Staaten zugeordnet, sie sind nicht UntertanInnen, sonder BürgerInnen “ihres“ Heimatlandes, haben dort Rechte und auch Pflichten und sind in modernen Demokratien Teil des “Souveräns“, des Volkes, das zumindest in der abstrakten Theorie im Staat das Sagen hat.

In der Praxis gibt es Nicht-Zugeordnete – Staatenlose. Die haben es teils schwer im Leben, manches ist ihnen verwehrt. Einer der Gründe für Staatenlosigkeit kann mangelnde Sesshaftigkeit sein. Mit NomadInnen tun sich staatliche Administrationen schwer. Solche Leute lassen sich nicht festnageln, es ist sogar schwer, sie zu zählen.

Mir geht es aber nicht um die Staatenlosigkeit, sondern um ein Sprengen von festeingesessenen Vorstellungen: dass es in der Natur der Dinge liegt, in einem Staat zu leben, und dass dieser uns seine Grenzen auferlegt.

 [3]

Die blauverschleierten “stolzen“ Tuareg bieten den Sesshaften eine scheint’s ideale Projektionsfläche für ihre Sehnsucht nach Freiheit, nach Alles-hinter-sich-Lassen…[4] Frankreich wird bis zum heutigen Tag nachgesagt, es hätte einen Tuareg-Staat in der Sahara einrichten wollen, als es sich aus seinen Kolonien zurückzog. Jedes Mal, wenn es einen Tuareg-Aufstand gibt, zuletzt 2012 in Mali, kommt die Rede darauf. Sollte es in den 1950er Jahren tatsächlich solche Überlegungen gegeben haben, dann ging es Paris nicht um Freiraum für die Tuareg, sondern um ein weiteres Zerstückeln, also Schwächen der Postkolonien. Und wenn es auch nicht zur Einrichtung eines Tuareg-Staates gekommen ist, zur Schwächung der beiden zentralen Sahel/Sahara-Staaten Mali und Niger haben die fünf Rebellionen dort[5] jedenfalls beigetragen.

Doch zurück zu den westafrikanischen Wanderungen, und zwar denen der Peulh oder Fulbe.

Ich werde nicht viel argumentieren. Oder vielmehr: Ich überlasse das Argumentieren der Karte und ihren vielen Pfeilen, vor allem den grenzüberschreitenden.

Hier zunächst die Legende zur Karte:

Und hier nun die dreigeteilte Karte[6]. Beginnen wir im Westen.


Grafik Bartz/Stockmar (M), CC BY 4.0

Im altrosa gefärbten Gebiet leben die “Mauren“. Mauretanien verdankt ihnen seinen Namen. Da der Begriff “Mauren“ im Lauf der Geschichte sehr unterschiedlich verwendet wurde, ursprünglich z.B. alle BerberInnen Nordafrikas umfasste, ist die Bezeichnung “Bidhan“ vorzuziehen. Arabisch-berberische, “weiße“, Hassania sprechende Bidhan leben vor allem in Mauretanien, zudem auch in der Westsahara, in Marokko und in Mali.

Die streng hierarchische Gesellschaft, in der bis zum heutigen Tag allen Gesetzen zum Trotz auch Sklaverei gang und gäbe ist, basierte ursprünglich auf nomadisch betriebener Viehzucht (Kamele und Pferde im Norden, Schafe im Süden). Dass sich diezbezüglich viel geändert hat, darüber gibt der kleine, die Mauren betreffende Kasten der Karte Aufschluss: 1957 hätten noch 90% in Zelten gelebt, 2006 lebten 40% in Städten.

 [7]

Im gelbgrünen Gebiet südlich der Mauren bzw. Bidhan leben Peulh (auch Peul), auch Fulbe oder Fulani oder Fulfulde oder Pular genannt. Ihre saisonalen Wanderungen werden von den Pfeilen der Karte dargestellt, orange-braun die Wanderungen innerhalb von Staatsgrenzen, violett die grenzüberschreitenden. Die meisten dieser Wanderungen haben eine Nord-Süd-Richtung – in Westafrika gilt generell, dass es umso mehr regnet, je weiter wir uns nach Süden bewegen. In der Regenzeit (während des europäischen Sommers) finden wir nomadisierende Peulh mit ihren Herden mehr im Norden, während der Trockenzeit im feuchteren Süden.

Wo die Peulh ursprünglich herkommen, wissen wir nicht. Vielleicht aus dem östlichen Ägypten, zwischen Nil und Rotem Meer. Viehzucht ist ihr angestammter Lebensunterhalt. Früher waren sie alle NomadInnen. Heute leben sie vor allem im Sahel, von der senegalesischen Atlantikküste im Westen bis Sudan und Südsudan im Osten. Nur manchmal dominieren sie dort, wo sie leben, zum Beispiel im Fouta Djalon in Nordwest-Guinea, in der Gegend von Macina in Zentral-Mali oder in den nördlichsten Provinzen Burkina Fasos (Soum, Oudalan, Séno). Wo sie nicht mehr herumziehen, sondern (halb) sesshaft geworden sind, leben sie oft verstreut unter anderen, vielleicht nur eine Familie pro Dorf, und kümmern sich um das Vieh aller[8].

Als NomadInnen und ViehzüchterInnen haben die Peulh auch dort, wo sie seit Langem in engem Kontakt mit anderen leben, eine separate Identität bewahrt. Das machte sie vonseiten der Mehrheitsbevölkerung seit jeher zu Zielen von Diskriminierung, so sind Heiraten mit ihnen vielfach verpönt. Im zentralen Sahel, insbesondere in Mali und Burkina, stehen Peulh heute zudem unter Generalverdacht, “islamistische“ Terroristen zu sein oder diese zumindest zu unterstützen[9]. Sie sind daher manchmal brutalen Verfolgungen ausgesetzt – 2019 waren Yirgou und Kain-Ouro in Burkina Faso und Ogossagou in Mali Beispiele, wo besonders viele Peulh umkamen. Das dem Artikel vorangestellte Foto – ein Peulh im Dogonland – entbehrt insofern auch nicht einer makabren Ironie, waren es doch Dogonmilizen, die das Massaker von Ogossagu veranstaltet haben und bis zum heutigen Tag die Peulh bekämpfen[10].

Hier jetzt der Mittelteil der Karte:

 
Grafik Bartz/Stockmar (M), CC BY 4.0

Nördlich der Peulh (und teils überlappend) leben im zentralen Sahel und in der Sahara die berühmten Tuareg. Auf der Karte ist ihr “Territorium“ hellblau eingezeichnet. Selbst nenne sie sich in Mali “Imushagh“, in Algerien und Libyen “Imuhagh“, in Niger “Imajeghen“, oder auch “Kel Tamasheq“, “Tamasheq-SprecherInnen“.

Bekannt sind vor allem die blauverschleierten Männer, die Oasen oder Karawanen überfallen oder letztere durch die Wüste führen. Ihrem kriegerischen Ruf zum Trotz sind die Kel Tamasheq jedoch matrilinear. Das heißt zwar nur, dass Vererbung (insbesondere auch des sozialen Rangs – was in der sehr hierarchischen Gesellschaft entscheidend ist) über die Mutter läuft, heißt nicht, dass die Frauen die Macht ausüben (das wäre ein Matriarchat). Aber die gesellschaftliche Stellung der Frau ist vergleichsweise gut. Monogamie ist die Regel, vor ihrer Heirat kann eine Frau Liebhaber haben, sie ist die Eignerin des ehelichen Heimes und sollte sie ihren Mann verstoßen, so bleiben ihr nicht nur dieses Heim, sondern auch die Kinder.

 [11]

Die wohl mythische Königin Tin Hinan, die hier auf einem Gemälde des 21. Jahrhunderts dargestellt ist, gilt den adeligen “Tuareg“ als Ahnfrau, “unser aller Mutter“. Charismatisch und von unwiderstehlicher Schönheit soll sie gewesen sein. Im 4. Jahrhundert habe sie gelebt. Tin Hinan ist auch der Name des Grabmals einer Frau etwa 80 km westlich von Tamanrasset in Süd-Algerien, das auf das 4. oder 5. Jahrhundert datiert wurde – ist es das ihre?

Hier schließlich der östlichste Teil der Karte, der gerade noch den Sudan und Südsudan zeigt:

 
Grafik Bartz/Stockmar (M), CC BY 4.0

Die Tubu (auch Toubou) sind weniger bekannt als ihre Tuareg-NachbarInnen. Auch sie sind nomadische ViehhüterInnen und haben seit Menschengedenken Karawanen durch die Wüste geleitet. Deutlich egalitärer organisiert als die Tuareg ist die Stellung der Frauen auch bei ihnen vergleichsweise gut. Dass Tubu-Frauen Karawanen über 1.500 km führen, ist im wunderbaren Dokumentarfilm “Vents de sable, femmes de roc“ (auf Deutsch Die Frauenkarawane“) von Nathalie Borgers[12] zu sehen.

 [13]

Damit bin ich mit meinem kaum analytischen, vor allem kartographischen sowie fotografischen Kurzbesuch der NomadInnen der Sahara und des Sahel fertig.

Zum Abschluss noch ein Foto, das einen Peulh-Mann zeigt, typischerweise umringt von seinen Kühen. Was die Peulh-Frauen betrifft, gilt es darauf hinzuweisen, dass sie ganz arg von Kinderheirat betroffen sind. Da die Ehre der Familie auf immer dahin wäre, wenn ein Mädchen unter dem Dach ihres Vaters schwanger würde, halten die Peulh noch mehr als andere an diesem für die betroffenen Mädchen rundum überaus schädlichen “Brauch“ fest. So sind insbesondere (viel zu) frühe Schwangerschaften unter Teenagerinnen die Todesursache Nummer 1.

 [14]

Endnoten:

[1] Das dem Artikel vorangestellte Foto zeigt einen Peulh (Fulbe) im malischen Dogonland. Foto Ferdinand Reus 12.6.2008, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peul_man,_Mali.jpg. Nachdem die Corona-Reisebeschränkungen weitgehend aufgehoben waren, wurde Mali für den Putsch vom 19. August 2020 von der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS mit einem Sperren seiner Grenzen bestraft. Erst nachdem ein Zivilist Präsident und ein anderer Zivilist Premierminister geworden waren, gingen diese Grenzen wieder auf.

[2] Rosa Luxemburg-Stiftung, Atlas der Staatenlosen. Daten und Fakten über Ausgrenzung und Vertreibung, Oktober 2020, pp.38f, herunterladbar auf https://www.rosalux.de/publikation/id/43022.

[3] Ein Tuareg in der marokkanischen Wüste, Foto Med Rizki ZNIBER 27.4.2014, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Touareg_man.jpg.

[4] Siehe dazu auch den wunderbaren Dokumentarfilm “Middle of the moment“ von Nicolas Humbert und Werner Penzel, 1995, 80’.

[5] 1962-64 in Mali, 1990-96 in Mali und Niger, 2006 in Mali, 2007-09 in Mali und Niger, 2012 in Mali.

[6] Wie bereits erwähnt: Rosa Luxemburg-Stiftung, Atlas der Staatenlosen. Daten und Fakten über Ausgrenzung und Vertreibung, Oktober 2020, pp.38f, herunterladbar auf https://www.rosalux.de/publikation/id/43022.

[7] Peulh südlich von Gao, Ost-Mali, Foto KaTeznik 12.1.2005, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eleveurs_Peuls.jpg.

[8] Dieser Absatz findet sich mit kleinen Änderungen in Günther Lanier, Unter Generalverdacht. Die Fremden in unserem Inneren, Radio Afrika TV 27.3.2019, http://alexisnshimyimanan5.sg-host.com/2019/03/27/unter-generalverdacht/.

[9] Das ist das Hauptthema des soeben in der Fußnote zitierten Artikels.

[10] Die Dogonmiliz Dan Nan Ambassagou ist offiziell zwar aufgelöst worden, führt ihren Krieg gegen die Peulh aber weiter. Siehe z.B. Nathalie Prevost, Des Dogons harcelés par la milice dans le centre du Mali, Mondafrique 18.9.2020, https://mondafrique.com/des-dogons-harceles-par-la-milice-dans-le-centre-du-mali/.

[11] Königin Tin Hinan, Gemälde von Hocine Ziani aus 2009 oder 2007, National Museum of Fine Arts in Algier, fotografiert von Rodert, https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Tin_Hinan#/media/File:2_-_La_reine_Tin_Hinan,_125x150cm,_huile_sur_toile.jpg.

[12] 93 Minuten lang, aus dem Jahr 2009. Siehe https://vimeo.com/32032608.

[13] Tubu-Frau in traditionellem Gewand, Foto Abdallahbigboy 11.1.2017, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:PhotoduTchad.jpg.

Hier noch ein Foto, für das ich im Text keinen Platz finde: Tubu-NomadInnen am “Brunnen der jungen Mädchen“ in den Ennedi-Bergen in NO-Tschad, Foto David Stanley 30.10.2015, leicht überarbeitet GL:


https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Well_of_the_Young_Girls_in_the_Ennedi_Mountains_-_northeastern_Chad_2015.jpg.

[14] Peulh mit Herde in Togo, Foto Brendertogo 24.10.2016, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fulani_herdsman.jpg.

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