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Hart erkämpft: vier afrikanische Athlet*innen bei den Paralympics in Tokio im Portrait

Vom 24. August bis zum 5. September 2021 finden die Paralympics 2020 (verschoben durch die Covid-Pandemie) in Tokio statt. Die Paralympischen Spiele sind angelehnt an die Olympischen Spiele und bilden einen globalen Sportwettbewerb für Sportler*innen mit körperlicher Behinderung. Rund 4500 Athlet*innen aus aller Welt nehmen dieses Jahr teil.

Die Paralympics unterteilen sich in die Paralympischen Sommer- und Winterspiele. Das jeweilige Sportereignis findet immer turnusmäßig direkt im Anschluss an die Olympischen Spiele an denselben Austragungsorten statt.

Wortbildung Paralympics wurde neu definiert

Der Begriff Paralympics wurde ursprünglich aus der Kombination der beiden Wörter paraplegic (Englisch für gelähmt) und Olympic geschaffen. Um zu suggerieren, dass auch Menschen mit anderen Arten der Behinderung Teil der Paralympics bilden, wurde die Wortbildung später neu definiert. Nun soll der Wortstamm auf das griechische Wort Para zurückführen, was auf Deutsch neben bedeutet. Hiermit soll das Nebeneinander der Olympischen und Paralympischen Spiele verdeutlicht werden.

Intersektionaler Ansatz

Das Konzept der Intersektionalität, welches Kimberlé Crenshaw begründete, beschreibt Schnittpunkte zwischen mehrfach diskriminierenden Kategorien wie Geschlecht, Klasse, Race, Disability, Sexualiät und Religion. Der folgende Artikel soll paralympische Sportler*innen vom afrikanischen Kontinent porträtieren, die von zwei Unterdrückungsformen, nämlich Disability und Race, betroffen sind.

In vielen afrikanischen Ländern sind Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft noch immer weitgehend unsichtbar und erfahren tagtäglich Marginalisierung und Ausgrenzung. Aus diesem Grund soll der Artikel mutige und starke Sportler*innen aus Afrika vorstellen, die trotz der Überschneidung mehrfacher Formen der Diskriminierung nicht aufgegeben haben und nun in Tokio um soziale Anerkennung und für sportliche Siege kämpfen.

Husnah Kukundakwe, Uganda

Sie ist erst 14 Jahre und damit die jüngste Teilnehmerin in Tokio. In ihrem Heimatland Uganda ist die Athletin schon jetzt ein Star. Husnah Kukundakwe ist dieses Jahr das erste Mal bei den Paralympischen Spielen dabei. Die Schwimmerin – die ohne rechten Unterarm und eine Fehlbildung an der linken Hand auf die Welt kam – könnte eine große Karriere vor sich haben.

Kukundakwe sei von Athlet*innen des Parasports dazu inspiriert worden, sich in ihrem eigenem Körper wohlzufühlen, berichtet der Deutschlandfunk. In ihrer Heimat Uganda gäbe es nur wenige Menschen, die ihre Behinderung offen zeigten. In der Umgebung anderer Sportler*innen mit Behinderung habe sich die junge Schwimmerin daher stets wohl gefühlt. Neben Kukundakwe sind nur drei weitere Athlet*innen aus Uganda in Tokio vertreten. Daher hofft die 14-Jährige, dass ihr in Zukunft weitere Parasportler*innen nachfolgen würden.

Im Globalen Süden sind zahlreiche Sportarten von den Regierungen nicht ausreichend finanziell unterstützt. Daher träumt die ehrgeizige Schwimmerin davon, selbst eine Stiftung zu gründen, um den Parasport in Ländern wie Uganda zu fördern.

Parfait Hakizimana, Flüchtlingsteam

Zum ersten Mal nimmt dieses Jahr ein Flüchtlingsteam an den Paralympics teil. Dies ist insbesondere für das Austrageland Japan bemerkenswert, da das Land selbst fast keine Geflüchteten aufnimmt.

Einer der Teilnehmenden des Flüchtlingsteams ist Parfait Hakizimana. Er habe geschafft, was noch kein anderer Athlet vor ihm schaffte: nämlich direkt aus einem Flüchtlingslager an den Paralympischen Spielen teilzunehmen, heißt es auf der offiziellen Website der Paralympics. Hakizimanas Lebensweg ist einer von Widerstandskraft und Beharrlichkeit. Der Athlet lebt im Mahama Flüchtlingslager in Ruanda, an der Grenze zu Burundi. In dem größten Flüchtlingslager Ruandas leben rund 60 000 Menschen. Im Oktober 2015 floh Hakizimana mit Tausenden anderen vor der Gewalt und den Unruhen in seinem Heimatland Burundi. Er ließ eine Familientragödie hinter sich und nutzte die Kraft des Sportes, um vielen Menschen und sich selbst Hoffnung zu geben.

1996 änderte sich das Leben des Geflüchteten auf einen Schlag: das Lager für Binnengeflüchtete, in welchem er damals lebte, wurde angegriffen. Seine Mutter wurde getötet, er erlitt eine schwere Schussverletzung, die zu einer dauerhaften Lähmung seines linken Armes führte.

Im Zuge seiner Rehabilitation lernte Hakizimana die koreanische Kampfkunst Taekwondo kennen. 2010 erhielt er den schwarzen Gürtel und eröffnete einen Taekwondo-Club in Burundi. Nach seiner Flucht nach Ruanda nutzte er seine Erfahrungen mit der Kampfsportart und gründete auch im Mahama Flüchtlingscamp einen Taekwondo-Club. Inzwischen trainiert er dort über 150 Menschen. Nach den Spielen in Tokio wird der Sportler zu seiner Frau und Tochter in das Camp zurückkehren.

Langfristig hofft Hakizimana nach Burundi zurückzuziehen und in seiner Heimat einen Taekwondo-Club zu gründen, der für die ganze Gemeinschaft offensteht.

Latifat Tijani, Nigeria

Auch diese Athletin hat eine ungewöhnliche Karriere hinter sich. Die Kraftdreikämpferin Latifat Tijani, arbeitete als Friseurin in Nigeria und stylte noch bei der Weltmeisterschaft 2019 in Nur-Sultan in Kasachstan ihren weiblichen Kraftdreikampf-Kolleg*innen die Haare. Erst 2017 hatte sie den Beruf aufgegeben, um sich voll und ganz auf den Kraftdreisport zu fokussieren.

Am 26. August holte Latifat Tijani in Tokio Gold, nachdem sie im 45-kg Finale triumphierte. Die Kraftdreikämpferin ist damit die erste afrikanische Person, die bei den Paralympics 2020 Gold gewinnt. 117 kg hob die Nigerianerin in ihrer vierten Hebung. Dies ist nur knapp am Weltrekord von 118 kg vorbei.

Tijanis Medaille ist Nigerias 71. Goldmedaille bei den Paralympics.

Asiya Mohammed, Kenia

Die Kindheit der kenianischen Sportlerin ist durch traumatische Schicksalsschläge geprägt. Mit zwei Jahren wird Asiya Mohammed durch einen einfahrenden Zug erfasst und verliert beide Beine und mehrere Finger. Sieben Jahre später wird sie Vollwaise, wie die Global Times berichtet.

Trotz dieser extremen Herausforderungen in jungem Alter kämpfe sich Mohammed bis nach Tokio. Sie ist die erste kenianische Ruderin, die sich für die Sportart bei den Paralympics qualifizierte.

Aufgrund einer Gewichtszunahme wendete sich die Kenianerin vor rund fünf Jahren dem Sport zu. Sie probierte sich sowohl in Rollstuhltennis- und Badminton als auch Rudern aus. In allen drei Sportarten gewann die Kenianerin bereits Medaillen. Schließlich beschloss Mohammed jedoch sich ausschließlich auf das Rudern zu fokussieren.

Den Platz für die Paralympics in Tokio sicherte sich die Athletin bei den afrikanischen Meisterschaften 2019 in Tunis. Auch sie kämpfte mit finanziellen Hürden durch die mangelnde Finanzierung kenianischer Verbände. So musste sich Mohammed für Tunis die Ruderausrüstung ihrer männlichen Landsleute leihen, nachdem sowohl der kenianische Ruderverband als auch das Nationale Paralympische Komitee ihre Anfrage nach einem Sponsoring abgelehnt hatten.

Dies war außerordentlich frustrierend für die körperlich behinderte Sportlerin, da ihre männlichen Kollegen vom Olympischen Komitee Kenias eine vollständige Finanzierung erhielten. 

Familie und Freund*innen unterstützen Asiya Mohammed zudem dabei, sich den Flug nach Tunesien zu finanzieren. In Tokio möchte die kenianische Athletin nun beim Frauen-Einer im Rudern unter die ersten sechs kommen. Sie werde rudern bis sie eine paralympische Medaille erhalte, sagt sie.

Finanzierung muss sich verbessern

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Finanzierung für afrikanische Athlet*innen in den kommenden Jahren verbessert, so dass diese verstärkt auf internationalen Wettkämpfen – wie den Paralympics – repräsentiert sind.

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