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Kunst und Literatur rund um den 8. März, den Internationalen Frauentag

Günther Lanier, Ouagadougou, 17.3.2021

Seit den Tagen der burkinischen Revolution ist der 8. März, der Internationale Frauentag, hierzulande ein Feiertag[1]. Auch die erst später Geborenen wissen, dass in den 1980er Jahren an diesem Tag die Männer für den Haushalt zuständig waren, insbesondere fürs Einkaufen am Markt und fürs Kochen. Die’s erlebt haben, erinnern sich gerne daran. Dass sich der Brauch nicht über das Ende der Revolution hinaus gehalten halt, liegt daran, dass am 15. Oktober 1987 mit Thomas Sankara der bisher einzige Feminist an der Staatsspitze eines gewaltsamen Todes starb. Der Auftraggeber seiner Ermordung, als Schürzenjäger bekannt, hatte in den 27 langen Jahren auf dem Thron andere Prioritäten.

 [2]

Doch nach wie vor wird der 8. März gebührlich gefeiert. Ein paar Monate vorher wird der “pagne 8 mars“, der für den Frauentag entworfene Stoff, vorgestellt und wer kann, lässt sich für die Feier ein Gewand daraus schneidern.

Das Frauenministerium gibt dazu alljährlich ein Motto aus. 2021 war es “Finanzielle Inklusion mittels Internet für die ökonomische Entwicklung der Frau: Herausforderungen und Perspektiven“. Das ist nicht nur kompliziert, wenn es Thema einer Veranstaltung sein soll[3], es ist auch insofern eine eigenartige Wahl, als in Burkina bisher nur eine elitäre Minderheit davon betroffen ist.

 [4]

Das Institut Français – das der französischen Botschaft unterstehende Kulturinstitut – hat den Internationalen Frauentag mit einer Reihe von Veranstaltungen gewürdigt. Am Samstag, den 13. März, stand Monique Ilboudo mit ihrem neuesten Buch im Zentrum: “Carrefour des veuves“, “Witwen-Kreuzung“. Die Geschichte einer Frau, deren Mann – Soldat – gleich zu Anfang des Buches ein Opfer des Terrorismus wird. Doch die Witwe – im traditionellen Burkina alles andere als ein beneidenswerter Status – lässt sich nicht unterkriegen[5].

[6]

Monique Ilboudo wurde Ophélie Konsimbo, eine ihrer Jus-StudentInnen und eine feministische Mitkämpferin, zur Seite gestellt oder eigentlich gesetzt, die gerade ihr erstes Buch veröffentlicht hat: “Kibaré? Was gibt’s Neues“, Kurzgeschichten, die alle von Frauen handeln.

Was Monique Ilboudo betrifft, die einst und nun wieder an der Uni Jus unterrichtet – dazwischen war sie lange Jahre Menschenrechtsministerin, dann lange Jahre Burkinas Botschafterin in Kopenhagen –, hatte sie ihre “Witwen-Kreuzung“ schon sechs Wochen zuvor in sehr viel intimerem Rahmen vorgestellt, in der Buchhandlung Livres & Loisirs.

[7]

Während Monique Ilboudo und Ophélie Konsimbo ihre Bücher präsentierten, hingen in der Rotonde am Institut Français-Gelände nebenan schon seit einer guten Woche die Bilder von Adjeratou Ouédraogo. Die Ausstellung, die noch bis zum 3. April läuft, ist mit dem Modebegriff “Resilienz“ übertitelt. Freilich ist Widerstandsfähigkeit erforderlich, für Frauen in höherem Maße. Und der Coronavirus hat’s auch nicht gerade leichter gemacht.


Dieu seul sait – Gott allein weiß[8]

Adjeratou Ouédraogo hat ihre Ausstellung besonders verletzlichen Frauen gewidmet. Ein Großteil der Erlöse aus dem Verkauf der gezeigten Bilder wird Binnenflüchtlingsfrauen und Frauen im Gefängnis zugutekommen oder für die Früherkennung von Gebärmutterhals- und Brustkrebs verwendet werden.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit den Bildern geht – ich selbst habe Zeit gebraucht, um dem bizarren Charme von Ajderatou Ouédraogos Bildern zu erliegen, das geschah erst, als ich vor der Buchpräsentation Monique Ilboudos Zeit hatte und ein zweites Mal einen Rundgang durch die Ausstellung machte.

Hier eine kleine virtuelle Führung.


La porte de sortie – Die Ausgangstür


Le pain quotidien – Das tägliche Brot


Parasols – Sonnenschirme


Tout est encore possible – Noch ist alles möglich


Le reste on s’en fout – Und alles Übrige ist uns egal


A manger pour tous – Zu essen für alle


Au secours – Hilfe!


Résilience – Resilienz

Mein Freund Hervé Humbert, ein französischer Künstler, der lange in Berlin gelebt und gewirkt hat und sich seit seiner Künstler-Residenz im Operndorf östlich von Ouagadougou ganz offenbar nicht mehr von Burkina trennen will, hat mir letzte Woche mit seiner Einladung Zugang zu einer noch hochkarätigeren Veranstaltung verschafft: zur Vernissage einer Gemeinschaftsausstellung, die Alexandra Vetter, die Gattin des EU-Botschafters in Burkina, in ihrer zukünftigen Residenz[9] veranstaltet hat.

“Kunstausstellung – Tag der Frau“ nannte sich der Event, wo neben Werken Hervé Humberts auch noch die seiner KollegInnen Makamssa Yago, Muindila Tshibangu, Agnes Tebda, Salimata Kaboré, Bernardin Bationo, Zakaria Ouédraogo, Abou Sidibé und Boureïma Ouédraogo[10] zu sehen waren.

Dazu gab es Musik und Tanz – Musik von Keiko Fujiie[11], die dieses Mal nur von zwei ihrer drei Musiker begleitet wurde; und Tanz von zwei Frauen und einem Mann aus der Schule Irène Tassembédos – wie schon Keikos Musik wunderbar präzis und einfallsreich[12] – die ungewohnte Bühne, die große Terrasse einer hochherrschaftlichen Villa, tat dem keinerlei Abbruch.

Ich beschließe den heutigen Artikel mit Kiswendsida Fernand Sawadogos Bild “Landflucht“. Als ich vor fünf Wochen meinen Artikel zu diesem Thema schrieb[13], kannte ich es leider noch nicht.

 [14]

***

Endnoten:

[1] Das dem Artikel vorangestellte Foto zeigt Muindila Tshibangos “Die Verantwortung“, ausgestellt in der EU-Residenz (siehe Artikelende). Foto GL 12.3.2021.

[2] Den 8. März-Stoff gibt es in drei verschiedenen Farben. Hier einer davon, zu einem Hemd verarbeitet. Foto GL 17.3.2021.

[3] Ich habe miterlebt, wieviel Mühe die Vorbereitung ein Vortrag zu diesem Thema für StudentInnen bereitet.

[4] Das Motto ist integraler Teil des 8. März-Designs. Foto GL 17.3.2021.

[5] Mit der legalen Situation der Frauen setzt sich ihr Droit de cité. Être femme au Burkina Faso“ auseinander (Ouagadougou (éd. Hamaria) 2006). Monique Ilboudo hat eine Reihe von Romanen veröffentlicht, ihr Erstling war “Mal de peau“ (Paris (Le Serpent à Plumes) 2001 (© 1992)), später kam das jüngst neu verlegte “Murekatete“ (Rwanda/Écrire par devoir de mémoire), Bamako-Lille (Le figuier-Fest’Africa) 2000), 2018 veröffentlichte sie “Si loin de ma vie“ (Paris (Serpent à Plumes) 2018). Die Aufzählung ist nicht vollständig.

[6] Von links nach rechts: Ophélie Konsimbo, Monique Ilboudo, Athanase Bafo, der Chef-Bibliothekar des Institut Français, der die Veranstaltung moderierte. Foto GL 13.3.2021.

[7] Foto GL 29.1.2021.

[8] Dieses und die folgenden Fotos von der Ausstellung Adjeratou Ouédraogos: GL 13.3.2021.

[9] Es handelt sich um die ehemalige EU-Residenz im Stadtzentrum, in Koulouba, die dann aufgegeben wurde zugunsten einer sehr viel engeren (wurde mir erzählt – ich selbst war nie dort) im Nobelviertel Ouaga 2000. Doch die Vetters werden hier demnächst wieder einziehen – mit der Vernissage wurde der gerade noch freie, sehr großzügige Raum genutzt.

[10] Kiswendsida Fernand Sawadogo (siehe das abschließende Foto) scheint in der Einladung nicht auf und erhöht die Zahl der beteiligten KünstlerInnen auf zehn. Zu der Vernissage siehe Dimitri Ouédraogo, Mois de la femme : Une exposition d’art pour rendre hommage à l’autre moitié du ciel, Lefaso.net, 13.3.2021 um 8h00, https://lefaso.net/spip.php?article103312.

[11] Siehe Günther Lanier, Fünf Arien auf dem Weg zu einer Oper. Eine japanisch-burkinische Koproduktion, Radio Afrika TV 27.1.2021, https://www.radioafrika.net/2021/01/27/funf-arien-auf-dem-weg-zu-einer-oper-eine-japanisch-burkinische-koproduktion/.

[12] Keiko Fujiie hat am auf die Vernissage folgenden Samstag, den 13. März 2021, die neueste Version ihres Werkes “Nagasaki-Wilderness Mute“ aufgeführt – coronabeding nur am Netz. Es geht um die Atombombe. Es ist auf https://www.youtube.com/watch?v=41K3gFIiLUE&feature=youtu.be zu besichtigen – eine Empfehlung!

[13] Günther Lanier, Landflucht revisited oder: Wollen sie gar nicht in die Stadt? Radio Afrika TV 10.2.2021, https://www.radioafrika.net/2021/02/10/landflucht-revisited-oder-wollen-sie-gar-nicht-in-die-stadt/.

[14] Kiswendsida Fernand Sawadogo, Exode rural – Landflucht, ausgestellt in der EU-Residenz (siehe Artikelende). Foto GL 12.3.2021.

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