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Landflucht revisited oder: Wollen sie gar nicht in die Stadt?

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Günther Lanier, Ouagadougou, 10.2.2021

Ökonomische Entwicklung und Verstädterung[1] gehen Hand in Hand. So liegt der Anteil der Stadtbevölkerung in Ländern hohen Einkommens bei 81,5%, in Länden mittleren Einkommens bei 52,6% und in Ländern niedrigen Einkommens bei 32,2%[2]. Freilich ist die “Entwickeltheit“ eines Landes nicht der einzige bestimmende Faktor. Doch ist in Algerien (72,6%), Botswana (69,4%) und Südafrika (66,4%) der in Städten lebende Anteil der Bevölkerung mehr als doppelt so hoch wie in Burkina Faso (29,4%), Kenia (27,0%), Uganda (23,8%), Äthiopien (20,8%) und Südsudan (19,6%)[3]. Die kontinentweit niedrigste Rate wurde 2018 übrigens in Burundi verzeichnet: 13,0%.

Afrikanische Städte wachsen, manche mit rekordverdächtiger Geschwindigkeit[4]. “Von Städten, die schon jetzt ein paar Millionen EinwohnerInnen haben, z.B. Dar es Salaam in Tansania, Kampala in Uganda, Abuja in Nigeria, Ouagadougou in Burkina Faso und Bamako in Mali, wird erwartet, dass sie 2035 mindestens doppelt so groß sein werden.“[5] Solch rasches Städtewachstum verläuft oft ohne jegliche Planung. Die urbane Infrastruktur kann dann meist nicht Schritt halten, es kommt oft zu eklatanten Mängeln bei der Gesundheitsversorgung, im Bildungswesen und beim Transport…

 [6]

Hier zwei Fotos vom ärmeren Teil Nairobis: Kibera hat circa 1 Million EinwohnerInnen.

 [7]

Den von den “Lichtern der Großstadt“[8] wie Insekten magisch angezogenen “Landflüchtlingen“ bieten die urbanen Zentren zwar Chancen, diese gehen jedoch mit erheblichen Risiken einher. MigrantInnen vom Land sind meist arm und sind daher überaus verletzlich. Statt eines besseren Lebens landen sie oft in marginalisierten Vierteln, wo die Wohn- und Lebensbedingungen miserabel sind und nicht einmal der Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen gesichert ist.

Die folgende Karte zeigt, wo in Afrika die Verstädterung besonders schnell zunimmt.

Prognostizierter jährlicher Zuwachs der städtischen Bevölkerung 2020-25
 [9]
tiefrot >5%, dunkelrot 4-5%, orange 3-4%, dunkelgelb 2-3%, hellgelb <2%

Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Städte für Afrika wird für 2020-25 auf 3,44% geschätzt – im südlichen Afrika sind es 1,84%, im nördlichen Teil des Kontinents 2,05%, im Westen Afrikas 3,82%, im zentralen Afrika 3,92% und im Osten 4,32%.

Wächst eine Stadt jährlich um 2%, so legt sie innerhalb von ungefähr 20 Jahren um 50% zu.

Bei 3% geschieht das in 14 Jahren – die Verdoppelung braucht 24 Jahre.

Bei 4% genügen 10 Jahre für ein Wachstum um die Hälfte, die Verdoppelung dauert knapp 18 Jahre.

Bei 5% bringen 14 Jahre eine Verdoppelung, in knapp 29 Jahren vervierfacht sich die EinwohnerInnenzahl.

 [10]

Dass das Land mit seinem Fokus auf die Landwirtschaft seine jüngeren und unter diesen gerade die dynamischsten und klügsten BewohnerInnen in die Flucht schlägt und in die so viel attraktiveren Städte migrieren lässt, scheint wie ein ehernes Naturgesetz zu wirken. Nur dort lassen sich die Früchte des Fortschritts in vollen Zügen genießen.

Landflucht eben.

Auch wenn Stadtluft heutzutage nicht mehr nach Jahr und Tag – also ab 366 Tagen – frei macht[11].

 [12]

Doch ist Landflucht tatsächlich ein allgemein menschlicher Wesenszug? Will wirklich niemand als Bäuerin oder Bauer arbeiten? Wollen wirklich alle lieber in die Stadt?

In Kenia zeigt eine Studie[13], dass es sich hierbei vielleicht um ein Vorurteil handelt. Jugendliche LandbewohnerInnen wollen mehrheitlich gar nicht in die Stadt. Und auch die Landwirtschaft ist nicht so unbeliebt, wie es generell heißt.

Für die Studie wurden 300 Haushalte in drei[14] ländlichen Bezirken Kenias ausgewählt, die eine möglichst große Bandbreite repräsentieren, was die Möglichkeiten landwirtschaftlicher und nicht-landwirtschaftlicher Arbeit betrifft, wobei die Entfernung zur Hauptstadt Nairobi ebenso in Betracht gezogen wurde wie die Ergiebigkeit für die landwirtschaftliche Produktion.

Ausgewählt wurden die Bezirke Turkana (sub-county/Unterbezirk Loima), Meru (Unterbezirk Timau) und Makueni (Unterbezirke Kibwezi-Ost und Lalawa). Turkana liegt eher abgelegen und hat begrenztes landwirtschaftliches Potential, es dominiert die Viehzucht. Allerdings gibt es im Unterbezirk Loima mehrere Bewässerungsprojekte, die eine relativ verlässliche Basis für Bodenbau schaffen. Der Meru-Bezirk und sein Unterbezirk Timau stehen für landwirtschaftliche Gunstlagen, sie sind gut an die Hauptstadt Nairobi sowie an ein regionales städtisches Zentrum angebunden – somit sind sowohl Arbeitsmöglichkeiten vorhanden als auch ein Markt für landwirtschaftliche In- und Outputs. Makueni steht für mittleres landwirtschaftliches Potential: Obwohl es wie Meru nicht weit von der Hauptstadt entfernt ist, verfügt es über eine weitaus beschränktere Infrastruktur.

In jedem Bezirk wurden nach dem Zufallsprinzip zehn Dörfer ausgewählt und in jedem Dorf zehn Haushalte. Befragt wurde in jedem Haushalt der Haushaltsvorstand und zusätzlich entweder sein Partner/seine Partnerin oder einE JugendlicheR.

 [15]

Zunächst wurden Jugendliche gefragt, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen möchten. Dabei gab es nur entweder-oder-Optionen. Unter diesen Bedingungen optierten nur 23% für die Landwirtschaft.

Dann jedoch kam ein qualitatives, auf Narrativen basierendes Datensammelinstrument namens SenseMaker zur Anwendung. Dabei wurde den Jugendlichen gesagt, sie sollten sich ihr Leben in zehn Jahren vorstellen und eine Geschichte erzählen, wie sie von der Gegegnwart dorthin gelangt sein würden.

Nachher war eine Reihe von Fragen zu beantworten, mittels derer die Jugendlichen ihre eigenen Geschichten interpretierten. Eine der dabei gestellten Fragen war, wieviel Zeit ihre zukünftigen Egos mit Landwirtschaft verbringen würden.

Es wurde klar, dass die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen davon ausging, dass die Landwirtschaft in ihrem Erwachsenen-Leben eine Rolle spielen würde, auch wenn nur wenige sich ihr ausschließlich widmen wollten. Viele wählten eine 80:20-Aufteilung, wobei sie 80% ihrer Zeit für landwirtschaftliche, 20% für nicht-landwirtschaftliche Arbeit verwenden würden. Nur wenige optierten für ein “Extrem“ – nur Landwirtschaft oder aber gar keine Landwirtschaft[16].

 [17]

Die Studie ist ein Weckruf – für ForscherInnen und für die Politik und die Entwicklungshilfe, für dort, wo die großen Strategien entwickelt werden, zum Beispiel zur Bekämpfung ländlicher Armut: Es gilt, ein Schwarz-Weiß-Zeichnen zu vermeiden, es ist nötig, differenziert hinzuschauen und differenziert zu fragen.

Auch wenn alles in Schwarz-Weiß viel einfacher ist[18].

Denn eigentlich ist es so überraschend ja nicht.

NebenerwerbsbäuerInnen gibt es schon lange.

Und dass Diversifikation Vorteile hat, dass es klug ist, Risiko zu streuen, nicht alle Eier in einen Korb zu legen, sich um Zusatz- oder Nebenverdienste zu bemühen, ist auch nicht viel mehr als logisch.

“Durchmischte Existenzgrundlagen“ nennen die StudienautorInnen das[19], ein Kombinieren mannigfaltiger Einkommensströme, ob die jetzt “on-farm“ oder “off-farm“, also am Hof oder fernab davon angezapft werden. Genauso wie Erwachsene kombinieren auch Jugendliche die unterschiedlichsten Strategien und schaffen Querverbindungen. So kann z.B. in der Landwirtschaft verdientes Geld in ein nicht-landwirtschaftliches Unternehmen investiert werden. Und genauso gut umgekehrt.

Das stolz-moderne Nairobi ist auch Naturreservat. Und vor des Landes höchstem Gebäude kann des Landes größtes Tier noch allemal bestehen. Das ist eine Frage der Perspektive, wie ein Vergleich zwischen dem folgenden und dem vorherigen Foto andeutet.

 [20]

***

Endnoten:

[1] Das dem Artikel vorangestellte Foto zeigt einen der Orte, wo die, die vom Land in die Stadt “flüchten“, ankommen: Busbahnhof in Nairobi. Foto Chris 73. Am 16.3.2007 aufgenommen oder hochgeladen, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nairobi_Bus_terminal_1.JPG.

[2] Zahlen für 2018 aus United Nations, Population Division, Department of Economic and Social Affairs, World Urbanization Prospects: The 2018 Revision, Population of Urban and Rural Areas at Mid-Year (thousands) and Percentage Urban, 2018, https://population.un.org/wup/Download/Files/WUP2018-F01-Total_Urban_Rural.xls.

[3] Ich habe diese Länder gezielt ausgewählt – es gibt auch einige Gegenbeispiele. So lebten 2018 z.B. 66,9% der EinwohnerInnen Kongo-Brazzavilles in Städten.

[4] Den Weltrekord hält vielleich Nouakchott, bis 1958 ein 500 EinwohnerInnen-Dorf. Aufgrund seiner Lage als Hauptstadt der bald in die Unabhängigkeit zu entlassenden Kolonie erwählt, wuchs Nouakchott in den folgenden 60 Jahren auf mehr als 1 Million an, das ist mehr als das 2.000fache.

[5] Zitat aus Roman Hoffmann, Climate change, migration and urbanisation: patterns in sub-Saharan Africa, The Conversation 2.11.2020, https://theconversation.com/climate-change-migration-and-urbanisation-patterns-in-sub-saharan-africa-149036. Übersetzung GL.

[6] Foto Kipala 21.2.2020, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kibera_5_2020.jpg.

[7] Foto Trocaire 6.7.2012, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kibera_Slum_Railway_Tracks_Nairobi_Kenya_July_2012.jpg.

[8] Charly Chaplin drehte 1931 einen Film mit diesem Titel. Im Original hieß er “City Lights“.

[9] Erstellt von GL auf Basis der Daten von United Nations, Population Division, Department of Economic and Social Affairs, World Urbanization Prospects: The 2018 Revision, Average Annual Rate of Change of the Urban Population by Region, Subregion, Country and Area, 1950-2050 (per cent), https://population.un.org/wup/Download/Files/WUP2018-F06-Urban_Growth_Rate.xls.

[10] Die Umgebung von Kapsowar, West-Kenia, mit Mt. Kipkinurr im Hintergrund, Foto Masai29, am 13.2.2010 aufgenommen/hochgeladen, leicht überarbeitet GL. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kapsowar1.JPG.

[11] Im Mittelalter konnten Leibeigene nach Jahr und Tag nicht mehr vom Dienstherrn zurückbeordert werden.

[12] 28 Kleinbäuerinnen der Mbini-Selbsthilfegruppe in Machakos, 60 km südöstlich von Nairobi, Kenia, bebauen ein 1½ ha großes Stück Land mit Orangen, Avokados, Gemüse und Mais. Foto McKay Savage 14.10.2010, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Women_smallholder_farmers_in_Kenya.jpg.

[13] Katie LaRue, Thomas Daum, Kai Mausch, Dave Harris, Who Wants to Farm? Answers Depend on How You Ask: A Case Study on Youth Aspirations in Kenya, The European Journal of Development Research 12.1.2021, https://doi.org/10.1057/s41287-020-00352-2.

[14] Kenia ist in 47 Bezirke unterteilt.

[15] Eine Giraffe im Nairobi National Park vor der skyline von Nairobi, Foto Mkimemia 16.10.2006, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Giraffe_-_Skyline_-_Nairobi_-_Park.jpg.

[16] Bei dieser Kurzfassung der Ergebnisse stütze ich mich auf die der StudienautorInnen in Thomas Daum, David Harris, Kai Mausch, Katie LaRue, How young Kenyans feel about farming goes against conventional wisdom, The Conversation 24.1.2021, https://theconversation.com/how-young-kenyans-feel-about-farming-goes-against-conventional-wisdom-153726.

[17] Tabelle 3 “Lebensunterhaltsziele, bevorzugter zukünftiger Wohnort und derzeit für Landwirtschaft verwendete Zeit von Jugendlichen“ in Katie LaRue, Thomas Daum, Kai Mausch, Dave Harris, Who Wants to Farm? Answers Depend on How You Ask: A Case Study on Youth Aspirations in Kenya, The European Journal of Development Research 12.1.2021, https://doi.org/10.1057/s41287-020-00352-2.

[18] Zu den gängigen Vorurteilen siehe die Studie.

[19] In ihrer Kurzfassung im zitierten The Conversation-Artikel: “mixed livelihood strategies, which combine multiple income streams from on-farm and off-farm sources”.

[20] Das größte Tier Kenias vor des Landes höchstem (Britam Tower, 2013-17 erbauten) und achthöchstem Gebäude (Kenya Commercial Bank Plaza), Nairobi National Park, Foto Alexmbogo 13.6.2020, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_giraffe_the_tallest_animal_in_Kenya_at_Nairobi_National_Park_with_a_background_of_Britam_Tower_the_tallest_building_in_Kenya.jpg.

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