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Literaturnobelpreis: Poetik und Politik des Erzählens

Abdulrazak Gurnah, hier abgebildet, bekam den Literaturnobelpreis 2021 für seine kompromissloses und mitfühlendes Nachspüren der Effekte des Kolonialismus sowie dem Schicksal von Migrant*innen zwischen Kulturen und Kontinenten.
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„Der überraschende Literaturnobelpreis“ oder „der unbekannte Preisträger“ heißt es diese Tage in den deutschsprachigen Medien über Abdulrazak Gurnah. Der im heutigen Tansania geborene und in Großbritannien lebende Schriftsteller wurde letzten Mittwoch von der Schwedischen Akademie als diesjähriger Träger des Nobelpreises für Literatur verkündet. Begründet wird die Wahl mit Gurnahs kompromisslosem Aufzeigen der Nachwirkungen des Kolonialismus. Auch die literarische Auseinandersetzung des Autors mit Migrationserfahrungen und dem Navigieren verschiedener Kulturen und Kontinenten seien ausschlaggebend gewesen, heißt es aus Stockholm. Immer wieder zurückgreifend auf sein eigenes Migrationserlebnis im Alter von 20 Jahren, erkannte Gurnah früh, dass die Sprache der neuen Heimat auch seine Sprache der Poesie sein würde. Englisch ist die Sprache, in der er Bücher gelesen hatte und wurde somit zur Sprache seiner Bücher. Mit dem diesjährigen Preisträger löst die Akademie auch ihr bereits 2018 gemachtes Versprechen ein, vermehrt über den westlichen Tellerrand zu blicken.

Vortrag „Sprachen-Emotionen-Denken-Schreiben. Sieben Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus „Afrika” (er)zählen“ von Rémi Armand Tchokothe im Weltmuseum
Vortrag „Sprachen-Emotionen-Denken-Schreiben. Sieben Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus „Afrika” (er)zählen“ von Rémi Armand Tchokothe im Weltmuseum ©Mara Köhler

Sprachen-Emotionen-Denken-Schreiben

Ein Vortrag letzten Dienstag im Weltmuseum bot die Möglichkeit, sich bereits mit potenziellen Kandidat*innen der nächsten Jahre vertraut zu machen. „Sieben Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus ‚Afrika‘ (er)zählen“ ist der Untertitel des Vortrags von Rémi Armand Tchokothe im Weltmuseum. Seit dem letzten Jahr ist der Assistenz-Professor für afrikanische Sprachen und Literaturen an der Uni Wien tätig. Im Rahmen seiner Forschung beschäftigt er sich auch mit dem Verhältnis afrikanischer Schriftsteller*innen zu den Sprachen, in denen sie schreiben. Die Zentralität von Sprachen hat der Kameruner bereits früh begriffen. Schon als er als Junge seine Mutter auf den Markt begleitete, erkannte Tchokothe in dem vielfältigen Gewimmel, wie wertvoll Sprachen sind. Mittlerweile beherrscht er sechs Stück davon – wenig im Vergleich zu manchen seiner Zeitgenossen – wie er bescheiden hinzufügt. Die Persönlichkeiten, die Tchokothe in seinem Vortrag vorstellt, haben oftmals ein komplizierteres Verhältnis zu ihren Sprachen, als Gurnah.

Rachid Boudjedra (Algerien – Arabisch/Französisch)

Der algerische Schriftsteller Rachid Boudjedra, bringt diese Gemengelage gekonnt auf den Punkt. Nicht er habe das Französische als Sprache seiner Bücher gewählt, sondern das Französische ihn. Der 1941 geborene Autor – geprägt durch das institutionelle Französisch in Schule und Administration – konnte Arabisch nur im Geheimen lernen. Dennoch kam es in den 1980er Jahren zu einem Wandel. Zunehmend hatte Boudjedra das Gefühl, dass ihn das Französisch von den Charakteren seiner Bücher entferne. Schließlich begann er auf Arabisch zu schreiben. Eine Transition, die nicht einfach war, da für den Schriftsteller das Arabische stets mit Schmerz verknüpft war, wie Tchokothe ausführt.

Buchempfehlung Rachid Boudjedra:

Die Verstoßung (1969/1991)

Die Eroberung von Gibraltar (1987/1994)

Bücher nebeneinander gestapelt
Möglichkeiten der Literatur @tomhermans, Creative Commons Zero

Ngũgĩ wa Thiong’o (Kenia – Kikuyu /Englisch)

Auch Ngũgĩ wa Thiong’o wurde als potenzieller Träger des diesjährigen Literaturnobelpreises gehandelt. Die Auszeichnung des 1938 in Kenia geborenen Schriftstellers und Kulturwissenschaftlers sei längst überfällig betont Tchokothe. Denn neben seinem bedeutenden literarischen Werk, sind sein Lebensweg sowie seine theoretischen Beiträge von großer Strahlkraft. Thiong‘o übte Kritik an den Ungleichheiten in Kenias postkolonialer Gesellschaft, wurde verhaftet und floh schließlich Anfang der 1980er Jahre nach Großbritannien ins Exil. In seinem zentralen Essayband „Dekolonisierung des Denkens“ verfasste er ein vehementes Plädoyer für das Schreiben afrikanischer Literaturen in afrikanischen Sprachen.

Ein Prozess, den auch der Autor selbst durchlaufen musste. Bereits in den 1970er Jahren erkannte er, dass es zwei Sprachen in ihm gab: Kikuyu – die Sprache, in der er lebte, in der Geschichten erzählt, Felder bestellt und Familien zusammengehalten wurden. Und Englisch – die Sprache der Institutionen. Durch dessen dominante Präsenz riss nicht nur die Bindung zur anderen Sprache, sondern auch jene zu den Lebensbereichen, die damit verknüpft waren. Daher beschloss Thiong’o von nun an auf Kikuyu zu schreiben.

Buchempfehlung Ngũgĩ wa Thiong’o:

Dekolonisierung des Denkens – Essays über afrikanische Sprachen in der Literatur (1986/2017)

Matigari (1989/1991)

Vortrag „Sprachen-Emotionen-Denken-Schreiben. Sieben Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus „Afrika” (er)zählen“ von Rémi Armand Tchokothe im Weltmuseum, Wien
Vortrag „Sprachen-Emotionen-Denken-Schreiben. Sieben Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus „Afrika” (er)zählen“ von Rémi Armand Tchokothe im Weltmuseum ©Mara Köhler

Literarische Bewältigungsstrategien 

Auch weibliche Perspektiven aus dem afrikanischen Kontinent kamen an diesem Abend nicht zu kurz. Tchokothe stellte die ebenfalls aus Kamerun stammende Autorin Djaïli Amadou Amal vor. Die Schriftstellerin und Aktivistin schreibt auf Französisch, greift jedoch in besonders emotionalen und intensiven Momenten auf Wörter in Pulaar zurück. Auch Chimamanda Ngozi Adichie, die nigerianische Schriftstellerin, die spätestens seit ihrem Ted-Talk „The Danger of a Single Story“ auch außerhalb ihres literarischen Schaffens als Aktivistin bekannt ist, hat ein besonderes Verhältnis zu der Sprache in der sie schreibt. „I have taken ownership of English“ begründet Adichie ihre Entscheidung. Genauso vielfältig wie die vorgestellten Autor*innen, sind die Bewältigungsstrategien. Ob ein Sprachwechsel vollzogen wird, zwei Sprachen kombiniert oder die Kolonialsprache zur Eigenen gemacht wird – der diesjährige Literaturnobelpreis sowie der Vortrag von Tchokothe zeigen, dass die Frage der Sprache in den afrikanischen Literaturen nicht nur eine poetische, sondern auch eine zutiefst politische Angelegenheit ist.

Titelbild: Abdulrazak Gurnah, Preisträger des diesjährigen Literaturnobelpreises Ill. Niklas Elmehed ©Nobel Prize Outreach

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