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Mandlenkosi Makhoba, Arbeiter und Gewerkschaftler in Südafrika

Einleitung und Übersetzung von Günther Lanier, Ouagadougou, 9.9.2020, The Conversation-Artikel von Paul Stewart und Edward Webster vom 28.8.2020

Generell gehörten und gehören Gewerkschaften nicht zu den politisch bestimmenden Kräften Subsahara-Afrikas. Auch in der Satten Welt sind sie ja past their prime[1] – ihre große Zeit scheint im herrschenden Neoliberalismus deutlich vorbei[2]. Für Afrika ist das angesichts eines wenig entwickelten industriellen Sektors nicht wirklich überraschend. Meist dominieren Landwirtschaft und Informalität – Bereiche, in denen sich Gewerkschaften mit dem Organisieren weltweit schwer tun[3]. Was ArbeitnehmerInnenvertretung betrifft, wird das “Proletariat“ in Afrika vielfach von privilegierteren Schichten ausgestochen: LehrerInnen, StudentInnen, ÄrztInnen und anderes medizinisches Personal – siehe deren rezente Streiks in Nigeria, Kenia, Simbabwe, Malawi…

Einmal mehr sticht Südafrika hervor. Kein Wunder, haben Bergbau und Industrie hier doch sehr viel größere wirtschaftliche Bedeutung.

Mit der Übernahme der politischen Macht durch den African National Congress (ANC) 1994 war vielleicht erwartet worden, dass sich dessen Partner COSATU[4], der größte der drei Gewerkschaftsverbände des Landes, zu einer staatstragenden Institution entwickeln würde. Da die seither verfolgte Politik generell den neoliberalen Vorstellungen der KapitaleignerInnen folgt, ist es dazu nicht gekommen, oder vielmehr nur insofern, als COSATU aus angestammter Solidarität mit dem nun herrschenden ANC recht zahm geworden ist. Das hat auch rund um das Marakana-Massaker 2012 eine Rolle gespielt, als sich das COSATU-Mitglied National Union of Mineworkers (NUM)[5] aufseiten des Kapitals fand – gegen die Streikenden und gegen die von ANC und COSATU unabhängigen Association of Mineworkers and Construction Union (AMCU).

Es folgt nun meine Übersetzung eines Artikels über einen südafrikanischen Arbeiter und Gewerkschaftler, Mandlenkosi Makhoba, einen der kleinen, unberühmten. Der Artikel ist von Paul Stewart und Edward Webster, von der Zululand- bzw. Witwandersrand-Universität. Er ist am 28. August in The Conversation erschienen[6]. Den beiden Autoren gilt mein herzlicher Dank für die Erlaubnis, den Artikel zu übersetzen und zu publizieren.

*

Die Geschichte eines Arbeiters, der unter der Apartheid lebte – und seine Mühen nach ihrem Ende

Von Paul Stewart und Edward Webster, im englischen Original am 28.8.2020 veröffentlicht in The Conversation

 [7]

Am 25. Juni wurde Mandlenkosi Makhoba oberhalb der majestätischen Mahlabathini-Ebene in KwaZulu-Natal zur letzten Ruhe gebettet. Er war einer der letzten einer Generation von Basis-ArbeiterInnenvertreterInnen der Südafrikanischen Gewerkschaftsföderation FOSATU[8]. Er war 78 Jahre alt geworden.

IndustriearbeiterInnen wie Makhoba bildeten das Fundament der FOSATU, mit deren Gründung 1979 demokratische ArbeiterInnen-Organisationen das Apartheid-System zwangen, ihre Gewerkschaften anzuerkennen[9]. Diese Föderation konnte in der Folge Rechte für schwarze ArbeiterInnen, neue Arbeitsstättenregeln sowie landesweite Kollektivvertragsverhandlungen durchsetzen, wobei sie Rassismus und Ungleichheit am Arbeitsplatz frontal attackierte. Sie schuf die Voraussetzungen für den 1985 geschaffenen Congress of South African Trade Unions, den Südafrikanischen Gewerkschaftskongress (COSATU). Die organisierten ArbeiterInnen spielten in der Folge eine entscheidende Rolle beim Übergang zur Demokratie.

Makhoba war dabei eine der “Kräfte des Wandels“[10], die für die moderne südafrikanische ArbeiterInnenbewegung Geburtshilfe leisteten. Aber er hat nicht von ihr profitiert. Sein Tod markiert das Vergehen einer Ära, der Ära jener IndustriearbeiterInnen, die überwiegend körperliche Arbeit verrichteten, kaum Zugang zu Bildung gehabt hatten und die für ArbeiterInnensolidarität standen.

Ein ArbeiterInnenleben unter der Apartheid

Makhobas Lebensgeschichte veranschaulicht den Übergang von etablierter, organisierter Arbeit, vom Sprachrohr der enteigneten produktiven Arbeitskräfte, die um Anerkennung kämpfen, zu den heutigen, vergleichsweise gut geschützten ArbeiterInnen der Vorstädte. Er steht auch stellvertretend für die VerliererInnen des Neuen Südafrika und zeigt, wie Ungleichheit hartnäckig weiter produziert und reproduziert wird. Sein Leben erzählt die Geschichte des Verlustes von Träumen und macht die Notwendigkeit offensichtlich, die Wunschvorstellungen einer Generation zu bewahren, die am Verschwinden ist.

Die Geschichten dieser ArbeiterInnen sind die längste Zeit von denen der großen Frauen und Männer in den Schatten gestellt worden, die sich erfolgreich für die Demokratie eingesetzt haben. Glücklicherweise hat Makhoba 2018 noch die Wiederauflage seiner Autobiographie “Die Geschichte des einen erzählt die Geschichte aller: MetallarbeiterInnen unter Apartheid“[11] erlebt. Sein Leben ist ein Vorläufer einer sowohl lokalen als auch globalen Entwicklung: Wie in Fabriken und Minen organisierte körperliche Arbeit durch technologische Fortschritte und das Erstarken des Neoliberalismus ausgebootet wurde.

 [12]

Wir haben Makhoba, einen Gießerei-Arbeiter im jetzt Ekurhuleni genannten East Rand[13] vor fast 40 Jahren kennengelernt, als wir die Veränderungen in der Metallindustrie studierten. Dieser archetypische, körperlich imposante Arbeiter goss geschmolzenes Metall und formte Maschinenteile. Das war lange, bevor Gesundheit und Sicherheit ernstgenommen wurden.

Wie so vieler seiner Landsleute, hatte er sein ländliches Zuhause im KwaZulu-“Bantustan“[14] verlassen, um einen der anstrengendsten Jobs anzunehmen, für den physische Kraft und industrielle Disziplin erforderlich waren. Bei den Bantustans handelte es sich um überwiegend ländliche, wenig entwickelte Gebiete, wo Schwarze unter der Apartheid leben mussten.

Als “Gießer-Junge“ (cast boy)[15] bekam Makhoba unter der Apartheid beträchtlich weniger bezahlt als die weißen “supervisors“ (Vorgesetzten), die er ausgebildet hatte. “Das hat mich wütend gemacht“, sagte er damals.

“Das Salär, das er bekommt, bekomm‘ ich nicht. Daweil bin ich angeblich sein Lehrer! Wie kann ein kluger Mann von einem dummen wie mir unterrichtet werden?“

Während seines ganzen Arbeitslebens pendelte Makhoba zwischen Stadt und Land. Er lebte im nur für Männer bestimmten, überbordenden Wohnheim-Komplex[16] von Vosloorus östlich von Johannesburg, eine Busfahrt entfernt von seinem Arbeitsplatz. Er war zutiefst frustriert von den dreckigen Zuständen im Wohnheim und vom Mangel an Privatraum: 16 Männer schliefen in einem Raum – nicht viel besser als in den Minen-Anlagen und Betonkojen, die diese Wohnheime ersetzt hatten. Die Männer mussten nach einem langen Arbeitstag und der Busreise zurück ins Heim noch kochen. Diebstahl war gang und gäbe und exzessives Trinken, Raufereien und Gewalt kennzeichneten die Wochenenden.

Zum Gefühl von Entbehrung gesellte sich das resignierende Akzeptieren, kein normales Sozialleben führen zu können. Besondere Sorge machte ihm der Niedergang seiner väterlichen Autorität, wenn er nach Mahlabathini heimkehrte. Das traf ihn zutiefst.

“Wenn ein Mann nach Hause kommt, wird er nicht mehr respektiert, denn er war so lange weg von zu Hause.“

Die Gewerkschaft

Es ist wenig überraschend, dass Makhoba im Juli 1979 einer damals in den Kinderschuhen steckenden Metall-Gewerkschaft beitrat – später wurde aus ihr die Nationale MetallarbeiterInnen-Gewerkschaft Südafrikas[17]. Er kommentierte: “Ich bin in die Gewerkschaft eingetreten, weil das Management ArbeiterInnen nicht wie Menschen, sondern wie Tiere behandelte.“

Diejenigen, die Gewerkschaftsmitglieder wurden, kamen aus ähnlichen Verhältnissen in verschiedenen Bezirken KwaZulus oder von anderswo und teilten alle die Unbill des Wohnheim-Lebens. Mit anderen Worten: Sie waren fest in Netzwerken gegenseitiger Unterstützung verwurzelt.

Obwohl Makhoba, als wir ihn trafen, mit Unterbrechungen seit 20 Jahren in der Stadt gearbeitet hatte, war seine kulturelle Welt von seinen ländlichen Werten bestimmt: “Ich arbeite hier, aber meine Seele ist in Mahlabathini. Meine Seele ist dort, denn ich komme vom Land. Dort bin ich geboren und dort ist mein Vater geboren.“

1983 wurde er aus der Gießerei entlassen, weil er an einem illegalen Streik teilgenommen hatte. Nach einer Zeit, während der er ab und zu kurzzeitig Beschäftigung fand, kehrte er schließlich endgültig nach Hause zurück.

Die Entbehrungen des Landlebens

1991 gelang es uns, ihn in seinem homestead, seinem Bauernhof, auf einem Berg oben in Mahlabathini aufzuspüren. Er hatte 15 Rinder erworben, zehn als ilobolo (Brautpreis) für seine beiden ältesten Töchter.

Sie waren zu sechzehnt – seine Frau, vierzehn Kinder und er – und lebten in sechs rondavels (die traditionellen Rundbauten mit kegelförmigem Strohdach, GL) auf diesem stets sorgfältig gekehrten Bauernhof, wo sie Zugang hatten zu Land, auf dem sie Mais und etwas Gemüse anbauten.

Doch bei genauerem Hinschauen wurde eine traurige Wirklichkeit offenbar: Mandlenkosis Heim war eine pittoreske Spielart eines ländlichen Slums. Die Kinder verbrachten ihre Tage mit Arbeiten im Haus, zerkleinerten Brennholz, holten zwei Mal täglich Wasser von einem 500 Meter entfernten Bach. Außer an Festtagen beschränkte sich ihre Kost auf mealie meal (eine Art Porridge aus grobem Maismehl, GL) und oft litten sie Hunger.

Während die Kinder erwachsen wurden und wegzogen, ging es Makhoba gesundheitlich zusehends schlechter. Da er nicht mehr im Geschäft im Ort unten arbeiten konnte, gab es immer weniger zu essen. Während er, an Parkinson erkrankt, in den langen Herbst seines Lebens driftete, war die Familie zu arm geworden, um ihr Land zu bebauen. Die Hoffnungen von einst – ein Neubeginn, eine neue, bessere Gesellschaft – waren zu einem “Traum“ geworden.

Die Ungleichheit der Perspektiven, die Mandlenkosis Leben geformt hatte, hält an. Seine Kinder sind Teil der anwachsenden Millionen marginalisierter ArbeiterInnen, die sich in ländlichen Slums oder den informellen Siedlungen südafrikanischer städtischer Gebiete irgendwie durchschlagen.

Unterdessen ist COSATU heute überwiegend Heimstatt relativ privilegierter Staatsbediensteter, ein Drittel von ihnen sind AkademikerInnen und 40% üben eine höher qualifizierte Arbeit aus[18]. In der Gießerei, in der Makhoba einst arbeitete, obliegt die Produktion weitestgehend Robotern.

Während viele Jobs, in denen körperliche Arbeit geleistet wird, verschwinden, heißt es Abschied nehmen von den traditionellen ArbeiterInnen und gilt es, die prekären ArbeiterInnen des digitalen Zeitalters willkommen zu heißen.

*

Endnoten:

[1] Nicht mehr in den besten Jahren.

[2] Das dem Artikel vorangestellt Foto zeigt Bauarbeiter beim Vorbereiten einer Betonkonstruktion. Foto Tomascastelazo 7.6.2018, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Construction_workers_in_Mexico.jpg © Tomas Castelazo, www.tomascastelazo.com / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0.

[3] Freilich gibt es Ausnahmen, so z.B. die Self Employed Women’s Association, SEWA in Ahmedabad, Indien, mit 1,6 Millionen Mitgliedern.

[4] Congress of South African Trade Unions – Südafrikanischer Gewerkschaftskongress.

[5] Die NUM war einst unter dem nunmehrigen südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa groß geworden – er spielte im Marakana-Massaker auch eine erhebliche Rolle (am16. August 2012 erschoss die Polizei 34 streikende MinenarbeiterInnen und verletzte mindestens 78), quasi zur “Feier“ des 25. Jahrestages des großen MinenarbeiterInnen-Streiks, den Ramaphosa organisiert hatte – 2012 war er dann im Aufsichtsrat des bestreikten Platin-Unternehmens Lonmin. Siehe dazu z.B. Günther Lanier, Der südafrikanische Tod der Revolution. Von Winnie zu Ramaphosa, Radio Afrika TV 20.12.2017, http://alexisnshimyimanan5.sg-host.com/2017/12/20/der-sudafrikanische-tod-der-revolution/.

[6] https://theconversation.com/the-story-of-a-working-man-who-lived-through-apartheid-and-his-struggles-after-it-ended-144528.

[7] Schwarze ArbeiterInnen beseitigen Schlamm. Mine nahe Johannesburg in den 1980ern, am Höhepunkt der Apartheid. David Turnley/Corbis/VCG via Getty Images.

[8] Federation of South African Trade Unions. Siehe https://www.sahistory.org.za/article/federation-south-african-trade-unions-fosatu.

[9] Siehe Michelle Friedman, ‘The Future is in the hands of the workers’. A History of FOSATU, Houghton (Mutloatse Arts Heritage Trust) 2011, http://www.historicalpapers.wits.ac.za/docs/fosatu/fosatu.pdf.

[10] “Agent of change“ lässt sich leider nicht besser übersetzen – “Agent des Wandels“ wäre richtiger, klingt aber nach Geheimdienst. GL.

[11] Mandlenkosi Makhoba, Petrus Tom, The Story of One Tells the Struggle of All: Metalworkers under Apartheid, Johannesburg (Jacana Media) November 2018, siehe https://www.nihss.ac.za/content/story-one-tells-struggle-all-metalworkers-under-apartheid.

[12] Mandlenkosi Makhoba vor 40 Jahren. Foto von den Artikelautoren zur Verfügung gestellt.

[13] Rand = Witwatersrand. Der East Rand schließt östlich unmittelbar an Johannesburg an.

[14] Bantustan = Homeland, GL. Siehe https://www.sahistory.org.za/article/homelands.

[15] “To cast“ heißt (in einen Rahmen/eine Form) gießen. GL.

[16] Siehe L. Segal, The Human Face of Violence: Hostel dwellers speak, in The Journal of Southern African Studies, Vol. 18, No. 1, März 1991, https://www.csvr.org.za/publications/1794–the-human-face-of-violence-hostel-dwellers-speak.

[17] National Union of Metal Workers of South Africa/NUMSA. Siehe https://www.numsa.org.za/.

[18] Siehe Andries Bezuidenhout, Malehoko Tshoaedi (Hg.), Labour Beyond Cosatu. Mapping the Rupture in South Africa’s Labour Landscape, Braamfontein, Johannesburg (Wits University Press) 2017, https://witspress.co.za/catalogue/labour-beyond-cosatu/.

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