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Österreichs Kolonien: von Mosambik bis in den Golf von Bengalen. Ein kurzer Überblick über die österreichische Beteiligung am Kolonialismus.

Wir alle haben – wenn sich überhaupt jemals mit dem Thema Kolonialismus befasst wurde – brav in der Schule gelernt: Österreich war keine Kolonialmacht. Ebenso wie bei der Besatzung Deutschlands im zweiten Weltkrieg (wo Österreich ja zu jener Zeit dafür gestimmt hat) könne sich die Alpennation also in Unschuld waschen. Ist das tatsächlich so? Inwiefern war Österreich in den Kolonialismus und die koloniale Politik Europas verstrickt?

Die Kolonialisierung Mosambiks

Im 18. Jahrhundert war die Gründung von Handelskompanien historisch betrachtet wohl der letzte Schrei – vor allem im Kontext von ausbeuterischer Profitgier. Die Ostindien-Kompanie ist jenen, die sich mit dem Kolonialismus näher befasst haben – oder auch jenen, die den Film „Fluch der Karibik“ gesehen haben – wohl noch ein Begriff. Wussten Sie, dass auch Österreich eine eigene Handelskompanie hatte? Maria Theresia gründete die so genannte „ostindische Handelskompanie“ im 18. Jahrhundert. Im März 1777 erreichte die unter Habsburgischer Flagge segelnde Flotte die Delagoa-Bucht im heutigen Mosambik. Bevor die Schiffe Richtung Indien weitersegelten, erklärten sie Mosambik zur österreichischen Kolonie und ließen zehn Personen zurück, um diese zu halten. Erst vier Jahre später, 1781, eroberten die Portugies*innen dieses Stück Land und setzten der österreichischen Kolonie auf dem afrikanischen Kontinent somit ein relativ schnelles Ende. Gegeben hat es sie aber dennoch, und das fast ein halbes Jahrzehnt lang.

Weitere kolonialistische Tätigkeiten Österreich-Ungarns

Jener Teil der Flotte, der Richtung Indien weitersegelte, erklärte auf dem Weg außerdem noch die Nikobaren-Inseln im Golf von Bengalen zur österreichischen Kolonie. Eine Dekade nach der Gründung 1775 ging die „ostindische Handelskompanie“ dann 1785 in Konkurs. Und apropos Kolonialismus: manche bezeichnen auch die österreichisch-ungarische Besatzung Bosnien-Herzegowinas nach dem Berliner Kongress 1878 als Binnenkolonialismus oder Ersatz-Kolonie. Die so genannte „Friedens- und Kulturmission“ war wohl eher ein Eroberungsfeldzug und habe Österreichs „koloniale Kompetenz“ gezeigt. 1908 annektierte Österreich-Ungarn Bosnien-Herzegowina und so manche kritische Stimme ist davon überzeugt, dass Österreich einen historischen Beitrag zur späteren Situation Bosnien-Herzegowinas und somit auch zum blutigen Krieg von 1992-1995 geleistet habe. Auch in Mosambik wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn die Region zur Zeit des österreichischen Kolonialismus vor Ort nicht durch die plötzliche Steigerung von Sklav*innen- und Elfenbeinexporten destabilisiert worden wäre, was zu folgenschweren politischen Unruhen geführt hat.

Staatliche Inbesitznahme oder nicht: der Profit war da

Zudem hat Österreich-Ungarn sehr vom außereuropäischen Kolonialismus profitiert, auch, wenn es im Gegensatz zu Ländern wie Frankreich oder Großbritannien weit weniger staatliche Inbesitznahme auf dem afrikanischen Kontinent betrieben hat. Bis ins 18. Jahrhundert gab es in adligen Haushalten Österreich-Ungarns Schwarze Diener*innen, die strukturell versklavt wurden. Sogar wirtschaftlich war Österreich-Ungarn auch abseits des offensichtlichen Profits durch den Kolonialwarenhandel aktiv daran beteiligt: im 16. Jahrhundert beispielsweise wurde Kupfer aus Tirol exportiert, das in Afrika und Asien für Waffen und als Tauschgut verwendet wurde und im 18. Jahrhundert versorgte die schlesische Textilindustrie die Sklav*innen in Amerika mit Bekleidung.

„Völkerschauen“, Raubkunst und weiterlebende Stereotypen

Außerdem konnte in Wien 1896 beispielsweise die „Ashanti-Schau“ besucht werden, die Afrikaner*innen zur Schau stellte. Dies geschah im Zuge der „Völkerschauen“ von Carl Hagenbeck, der durch ganz Europa tourte und Menschen „ausstellte“, die zu damaliger Zeit als „exotisch“ gelesen wurden. Damit einhergehend wurden Stereotypen geschaffen, die in manchen Köpfen noch bis heute andauern.  Davon abgesehen war Österreich natürlich ebenfalls an der Raubkunst beteiligt, deren Nachwirkungen wir bis heute in österreichischen Museen bewundern können.

Koloniale Denkmuster dauern bis heute an

Dennoch wird die österreichische Beteiligung am Kolonialismus oft negiert. Dementsprechend wird es wohl auch nicht als notwendig erachtet, diese aufzuarbeiten. Denn wozu sollte man etwas aufarbeiten, was vermeintlich nie passiert ist? Ein Bekannter mit Migrationsgeschichte sagte mir einmal, dass Österreich unter anderem deshalb so rassistische Strukturen aufweise, weil es keine offiziellen Kolonien hatte und deshalb weniger mit Afrika in Berührung gekommen sei. Tatsächlich mag gerade das auch ein Mitgrund für die oft nach wie vor so präsente rassistische und koloniale Denkweise in Österreich sein: durch die erfolgreiche Vermarktung einer vermeintlichen Nicht-Beteiligung kann die Debatte umgangen und die Ignoranz weitergetragen werden. Während ehemalige Kolonialmächte zumindest teilweise versuchen, ihre Vergangenheit zumindest zu thematisieren, ist diese in der österreichischen Gedankenwelt noch so weit entfernt, dass noch nicht einmal wirklich darüber gesprochen wird. Durch weltweite Bewegungen wird derzeit versucht, unsere Gedanken zu dekolonialisieren, um die Welt in eine bessere Richtung voranzutreiben. Und in Bezug auf kolonialistisches Denken muss wohl leider gesagt werden: Österreich steckt noch mittendrin.

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© Foto: Unsplash.com // David Dilbert

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