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Straßennamen: Wien steckt im vorletzten Jahrtausend fest

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Wer schon mal einen Spaziergang durch den 2. Bezirk unternommen hat, der*dem mag es aufgefallen sein: hier gibt es mehr als eine Gasse, die einen problematischen und politisch inkorrekten Namen aufweist. Straßennamen sind ein großes Thema in der postkolonialen Aufarbeitung – und eines, in dessen Kontext es in Wien wohl noch Verbesserungspotenzial zu geben scheint.

Die Debatte um die „Mohrengasse(n)“

„Mohr“ ist der wohl älteste – und mitunter rassistischste – Ausdruck für Schwarze Menschen in der deutschen Sprache. Der Begriff „Mohr“ wird seit dem Mittelalter verwendet. Auf welcher Basis genau das Wort zustande kam, ist nach wie vor unklar. Jedoch wird vermutet, dass es sich auf das griechische „moros“, was „dumm“, „töricht“, „einfältig“ oder „gottlos“ bedeutet, oder aber auf das griechische „maure“, dessen Bedeutung „schwarz“, „dunkel“, „dunkelhaarig“ ist, stützen könnte. Obwohl die rassistische Komponente wohl kaum abzustreiten ist, sind nach wie vor zwei Gassen im zweiten Bezirk so benannt.

Die Benennung dieser Straßen lässt sich wohl auf ein „Gedenken“ an Joseph Mahlizky zurückführen. An dem Gebäude, das der Schwarze Mann einst bewohnte, hing damals ein Schild mit der Aufschrift „Zum Großen Mohren“. 1862 hat die „Große Mohrengasse“ und 1876 die „Kleine Mohrengasse“ auf Basis dessen ihre Namen erhalten – also vor über 150 Jahren. Bei der Frage, ob die darauffolgende Benennung der anliegenden Straßen nicht eher eine Diskriminierungsform und allem voran eine Weiterführung rassistischer Sprache anstatt eines wertschätzenden Gedenkens ist, gehen die Meinungen auseinander.

Letztes Jahr, 2020, startete „aufstehn“ eine Petition, die für die Änderung dieser Straßennamen plädierte. Diese ist sogar nach wie vor online und kann hier noch immer unterzeichnet werden. Es haben bereits über 6300 Personen unterzeichnet – das Ziel liegt bei 7000 Unterschriften. Die Gründer*innen sowie die Unterzeichner*innen argumentieren, dass die Straßennamen auf Grund der rassistischen Bezeichnung sofort geändert werden müssen.

Die Stadt Wien wiederum beteuert, dass eine Umbenennung der Straßen die Straßengeschichte sowie die Geschichte afrikanischer Menschen in Wien vernachlässigen und somit in Vergessenheit geraten würde.

Eine potenzielle Lösung könnte etwa sein, die Gassen nach einer Person – oder sogar einer Bewegung – zu benennen, die für „black empowerment“ in Österreich steht (zum Beispiel „Black Lives Matter“ oder aber einer Person, die ebenfalls mit der Geschichte des „afrikanischen Wiens“ verflochten ist. Letzteres könnte sogar Joseph Mahlitzky selbst sein. Eine weitere Idee wäre es, die Straßen den afrikanischen Opfern österreichischer Polizeigewalt zu widmen – Marcus Omofuma beispielsweise. Es wurden bereits viele Vorschläge für Namensänderungen gemacht. Wenn Sie noch einen weiteren haben sollten, können Sie diesen nach wie vor per E-Mail einreichen.

Weitere Wiener Gassen mit Namen aus dem vorletzten Jahrtausend

In der Hauptstadt gibt es zudem noch weitere Gassen, die eine ähnliche Geschichte bezüglich ihrer Benennung aufweisen. Im 3. Bezirk beispielsweise gibt es die „Marokkanergasse“, die 1970 auf Grund eines Besuchs einer marokkanischen Abordnung benannt wurde. Dieselbe Bezeichnung erhielt eine Gasse im 2. Bezirk, die 1862 zur „Afrikanergasse“ umbenannt wurde – und bis heute so heißt. Der Hintergrund sei, dass dort wohl ebenfalls vor etwa 160 Jahren ein Gesandter aus einem afrikanischen Land logiert haben dürfte.

Ein weiterer Name einer Gasse, bei der so manch eine Person beim Vorbeigehen ein Schauer über den Rücken laufen mag, ist die „Negerlegasse“ im 2. Bezirk. Die Namensgebung beruht auf dem Kaufmann Michael Negerle, der 1862 das erste Haus in der Gasse erbaut haben soll. Obwohl die Benennung der Gasse somit wohl historisch nicht auf eine eindeutig rassistische Komponente zurückzuführen ist, mag es dennoch des Hinterfragens würdig sein, ob wir als Gesellschaft einen solchen Straßennamen im 21. Jahrhundert tolerieren wollen.

Wien kann auch anders: ein positives Beispiel im 22.

Ein positives Beispiel für eine Straßenbenennung in Wien in einem afrikanischen Kontext ist die Miriam-Makeba-Gasse im 22. Bezirk. Die Namensgeberin ist die südafrikanische Miriam Makeba, die sich für die Menschenrechte einsetzte und politisch in der Anti-Apartheid-Bewegung aktiv war. Die Sängerin ist zudem für ihren Hit „Pata Pata“ bekannt.

Postkoloniale Kritik: Vereine und erste Schritte zur Aufarbeitung

Die (Kolonial-)geschichte ist nicht nur für Österreich prägend und äußert sich bis heute in Straßennamen sowie beispielsweise rassistischen Bezeichnungen von Desserts („Mohr im Hemd“) und Bier („Mohrenbräu“). Auch andere Länder haben ihre Probleme damit und suchen nach Wegen zur bestmöglichen Aufarbeitung. In unserem direkten Nachbarland Deutschland gibt es beispielsweise den Verein „Postkolonial e.V. Berlin“, der sich kritisch mit der Kolonialgeschichte der Stadt auseinandersetzt und sich um die Offenlegung kolonialrassistischer Denk- und Gesellschaftsstrukturen vor Ort beschäftigt. Es werden beispielsweise auch Stadtspaziergänge angeboten, die geschichtliche Spuren des Kolonialismus in der Stadt aufzeigen und die Teilnehmer*innen entsprechend sensibilisieren sollen.

Auch in Wien gibt es eine Zusammenkunft, die eine ähnliche Zielsetzung aufweist: „decolonizing in Vienna“, ein Kollektiv für gegen-hegemoniale Geschichte(n) und dekoloniale Zukünfte. Zudem werden auch in Wien entsprechende Stadtspaziergänge angeboten. Diese reichen von einem fallweise von SADOCC organisierten Gang durch das „afrikanische Wien“ mit Dr. Walter Sauer bis zu „Hietzing kolonial – Deconstructing white Innocence“, der gerade erst wieder Ende letzten Monats durchgeführt wurde. . Zudem gab es die Recherchegruppe zur Schwarzen österreichischen Geschichte, die im Zuge des Ausstellungsprojekts „Verborgene Geschichte/n – remapping Mozart“ entstand. Mag.a Claudia Unterweger verfasste ihre Diplomarbeit mit dem Titel „talking back“ und beschäftigte sich akademisch mit dem Thema. Vor 15 Jahren waren zwei Angehörige der Recherchegruppe zur Schwarzen österreichischen Geschichte als Gäste im Radio Orange Studio – die Sendung kann bei Interesse hier nachgehört werden.

Außerdem gibt es zahlreiche Organisationen, die antirassistische Arbeit machen und sich für eine antirassistischere Gesellschaft in Wien und weltweit einsetzen. Dazu zählen unter anderem blackvoices, black lives matter Vienna und ZARA. Gerade erst zu Beginn dieses Monates legte der „black empowerment bicycle ride“ den Wiener Ring lahm.

Sie kennen Vereine / Organisationen, die sich mit postkolonialer Kritik im österreichischen Kontext und der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte Österreichs beschäftigen? Schreiben Sie uns! [email protected]

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