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West Coast vs. East Coast

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Bild: Dakar von ganz weit oben, Foto NASA Astronauts 6.5.2011, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dakar,_Senegal.JPG.

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Günther Lanier, Ouagadougou, 27.9.2021

* * *

Die senegalesische Hauptstadt liegt spektakulär auf ihrer in den Atlantik hineinragenden hakenförmigen Cap Vert-Halbinsel. “Grünes Kap“ hat sie der portugiesische Seefahrer Dinis Dias[1] 1444 genannt, weil ihr üppiges Grün sich stark vom trockenen Hinterland abhob. Und dieses Kap war auch Namenspate der ihm vorgelagerten, 12 Jahre später entdeckten Kapverdischen Inseln. Der Almadies genannte Nordwestpunkt der Cap Vert-Halbinsel ist der westlichste Teil des afrikanischen Festlandes.

In der vom offenen Meer gut abeschirmten Bucht östlich der Halbinsel liegt wenig überraschend der Hafen von Dakar. Die erst Mitte des 19. Jahrhunderts gegründete Stadt wuchs schnell rund um ihren Hafen und die hier beginnende Eisenbahnstrecke nach St. Louis; sie lief letzterer 1902 den Rang ab und wurde Hauptstadt von Französisch Westafrika.

Was Küste und Strände angeht, so ist es zwar unwahrscheinlich, dass Dakar ihretwegen von TouristInnen besucht wird, die ziehen lieber an die Petite-Côte[2], die Kleine Küste, etwas weiter im Süden, oder gleich in die Casamance in des Landes äußerstem Süden. Dennoch bin ich im heurigen Juli auf meinen Spaziergängen, die alle im alten Zentrum – dem Plateau – ihren Ausgang nahmen, auf Reizvolles gestoßen. Die beiden Küsten unterscheiden sich charakterlich stark.

An der Westküste bleibt nicht mehr viel, was das Grün im Namen der Halbinsel rechtfertigen würde[3].

Oben ein Blick gegen Süden, unten einer gegen Norden, Richtung Almadies.

Betonblöcke (siehe Foto oberhalb) können aus der Nähe den Blick auf Vorhaben für die Zukunft freigeben: ein Gorée-Memorial (siehe das folgende Foto).

Ein bisschen weiter nördlich an derselben Route de la Corniche wurde das Milleniumsmemorial bereits vollendet.

Hier dieses für die Präsidentschaft Abdoulaye Wades und seine klobige Protzigkeit wohl typische Monument noch einmal aus der Nähe. Mit vollem Namen heißt es “Porte du Troisième millénaire“, “Tor zum Dritten Jahrtausend“[4].

Unbeeindruckt von alledem das Meer, das Strandgut, der Strand.

Oder vis-à-vis die Ile de Madeleine und ihre sehr viel kleinere Schwester, die Ile Lougne – seit 1976 Nationalpark[5].

Und auf dem Weg zurück, also wieder Richtung Süden …

gibt es abermals Kunst …

und auch die ist von der verherrlichenden Sorte.

Sehr viel abstrakter, wohl nicht als Kunst intendiert, eine Huldigung an die Leere:

Und ich stelle mir vor, wie Filme auf diese Leinwand aus Luft projiziert werden und wie nur der Rahmen und das “19“ (XIX) in seinem Inneren einen minimen Teil der laufenden Bilder auffangen und sichtbar machen und wie wir ZuschauerInnen uns von der Tonspur leiten lassen und aber trotzdem nicht zu reinen ZuhörerInnen werden…

* * *

Und dann wurde es Nacht und wieder Tag und am Nachmittag ging ich – Covid[6] oblige – zum Institut Pasteur, da wurden die Tests für die Rückflüge gemacht. Wie mir schien mit Kompetenz und verlässlich und ohne langes Warten. Der koloniale Rahmen – das Institut Pasteur de Dakar war 1896 von Émile Marchoux, einem Schüler Louis Pasteurs, gegründet worden – verursachte mir Unbehagen, weit und breit war kein Weißer am Werken[7], die Kompetenz schien rein schwarz.

Doch dann fand ich Gefallen daran, dass ein Überbleibsel der Kolonialzeit sich mit Covid beschäftigen musste, ist es in Afrika doch klar, dass die Pandemie ganz überwiegend aus Europa eingeschleppt wurde – statt Kolonisation (oder vielleicht besser: zusätzlich zur Neokolonialisation) brachte 2020 Afrika die Coronisation.

* * *

Vom Institut Pasteur wanderte ich dann weiter gegen Süden, auf der Avenue Pasteur, ich wollte so nah ich konnte an die Südspitze der Halbinsel herankommen. Auf dem Weg war vom Atlantik im Westen so gut wie nichts zu sehen. Dann dreht die Straße nach Osten und wird zur Route de la Corniche Estate[8], der Steilküstenstraße. Doch die Südspitze der Cap Vert-Halbinsel bleibt auch von ihr aus weitgehend verborgen[9].

Und dann geht es mit Kurven und Auf und Ab im Wesentlichen gegen Norden.

Auf dieser Küstenseite wird das Grün im Namen der Halbinsel verständlich. Auch wenn die wild entsorgten Plastiksackerln die Idylle immer wieder stören – das Potential dafür wäre da.

In der Bucht im Osten liegt die Insel Gorée, der Name entstammt dem Niederländischen – “goede reede“ bedeutet “guter/sicherer Ankerplatz“[10]. Berühmt ist die weniger als 3 km vom Festland entfernte Insel wegen ihrer Rolle im SklavInnenhandel. Mit der Gründung Dakars verlor sie in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts schnell an Bedeutung.
Während die Schätzungen der Quantität der von hier aus verfrachteten Menschenware stark divergieren, ist die Rolle Gorées als Ort der Erinnerung unbestritten. 1978 wurde die Insel von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt und mit ihrem “maison des esclaves“ (SklavInnen-Haus) ist sie eine bedeutende TouristInnenattraktion – unter den prominenten BesucherInnen rangieren George W Bush und Barack Obama.

Hier ein Blick durch den Wald übers Meer gegen Norden, auf den Ostteil des alten Zentrums.

Hier im leicht dunstigen Hintergrund abermals Gorée und links davon ein Schiff, das den “guten Ankerplatz“ nutzt.

Und hier ein Blick die East Coast entlang gegen Süden.

Und dann verbirgt sich auf der Cap Vert-Halbinsel-Ostseite ein kleiner Sandstrand, “Plage de l’Anse Bernard“ heißt er, “Strand der kleinen Bernhardsbucht“ und er liegt ziemlich genau östlich des Institut Pasteur. Ein bescheidener Fußweg führt von der Route de la Corniche Estate zu ihm hinunter. Dann offenbart sich unbedarften BesucherInnen eine überraschend entwickelte Infrastruktur: Matten, Liegestühle und vor allem Essen werden angeboten. Die große Mehrheit der Strand-NutzerInnen aber stellen Kinder, Buben, die sich im Salzwasser vergnügen und für solch luxuriöse Extras wohl kaum das nötige Kleingeld haben.

Hier noch einmal ein Blick auf die Insel Gorée.

Und ich beschließe meinen Artikel so, wie ich ihn begonnen habe: mit einem von oben aufgenommenen Foto. Seine Höhe kann freilich mit dem ersten nicht im Entferntesten mithalten – hier sind sogar Menschen erkennbar.

Ob die unterschiedliche Färbung des Meerwassers vom Winkel der Aufnahme abhängt? Von der Jahreszeit? Oder wirkt sich die in den fast elf inzwischen vergangenen Jahren zweifellos ärger gewordene Verschmutzung auf die Farbe aus?

 

[11]

* * *

Endnoten:

[1] Er soll der erste gewesen sein, der von Europa per Schiff so weit in den Süden vorstieß. Bekannter noch als er ist sein Sohn Bartolomeu Dias, der als erster das Kap der Guten Hoffnung und die Südspitze des afrikanischen Kontinents umrundete.
Dias senior sollte im Auftrag des Königs von Portugal (Heinrich dem Seefahrer) SklavInnen “fangen“ – mit ihrem Verkauf gedachte der König, weitere Expeditionen zu finanzieren.

[2] Die Cap Vert-Halbinsel trennt die Grande-Côte (die Große Küste) im Norden von der Kleinen Küste im Süden. Während im Norden der Kanarenstrom für relativ kaltes Wasser sorgt, bietet der Äquatorialstrom mit seinem wärmeren Wasser badefreundlichere Bedingungen.

[3] Die Westküstenfotos habe ich am frühen Nachmittag des 16.7.2021 aufgenommen.

[4] 2001 nach dem Entwurf des Architekten Pierre Goudiaby Atepa gebaut und von Abdoulaye Wade und dem marokkanischen König Mohammed VI. eröffnet.

[5] Ich war nie dort, obwohl die bizarren Felsformationen einen Ausflug lohnend erscheinen lassen. Siehe z.B. Laure Solé, L’île de la Madeleine, la nature préservée à 4 km de Soumbédioune, 18.3.2019, aktualisiert am 6.1.2021, https://lepetitjournal.com/dakar/lile-de-la-madeleine-la-nature-preservee-4-km-de-soumbedioune-252851.

[6] Im Senegal stiegen damals die Covid-Infizierten- und -Todeszahlen stark und eine neue Pandemie-Welle war zu befürchten. Doch die Regierung traute sich nicht, harsche Maßnahmen zu dekretieren, stand doch Tabaski, das Opferfest, bevor.

[7] Seit 2009 ist das Institut Pasteur de Dakar eine senegalesische Stiftung, die gemeinsam von der senegalesischen Regierung und dem Pariser Institut Pasteur betrieben wird. Siehe https://www.pasteur.sn/fr.

[8] Für den Namen habe ich keine Erklärung gefunden. Das englische “estate“ bedeutet Anwesen, Länderei, Immobilie, aber die gibt es anderswo auch. Die Straße erstreckt sich gegen Norden bis zum Hafen, geht dabei unterhalb des Spitals und dann unterhalb des PräsidentInnenpalastes vorbei.

[9] Die Ostküstenfotos habe ich am Nachmittag des 17.7.2021 aufgenommen. Nur das allerletzte Foto ist nicht von mir.

[10] Dinis Dias, der hier landete, hatte sie 1444 “Palma“ genannt.

[11] Plage de l’Anse Bernard (Strand der kleinen Bernhardsbucht), Foto Jeff Attaway 19.12.2010, mit einer an einem Drachen aufgestiegenen Kamera aufgenommen, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dakar-Beach.jpg.

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