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Wo es keine Perspektive gibt. Boko Haram oder das Versagen des Anti-Terror-Kampfes

Günther Lanier, Ouagadougou, 15.3.2021

(dieser Artikel wurde erstveröffentlicht in International – Im Fokus 03/2021 am 16. April 2021; auch herunterladbar unter https://international.or.at/wp-content/uploads/2021/04/ImFokus_3_2021-end.pdf)
(seit dem Verfassen des Artikels Mitte März hat es weitere Kidnappings gegeben, zuletzt an einer Uni und in einem Spital und es wurden auch weitere Boko Haram-Angriffe verzeichnet; was der Tod von Idriss Déby Itno[1] für den Anti-Terror-Kampf für Auswirkungen haben wird, ist noch nicht absehbar)

Wir sollten vielleicht vom hohen Ross unserer schnellen Urteile heruntersteigen, sollten beginnen, von Terrorismus und Islamismus zu lernen. Ein genaues Hinschauen[1a] könnte uns eine Diagnose der betroffenen Gesellschaften liefern, wie sie praktischer kaum ausfallen kann. Nur wo Gemeinschaften krank sind, nur wo ihre Mitglieder über Gebühr leiden, kann ein Projekt Wurzel schlagen und gedeihen, das sich gezielt der Übergriffe und der Grausamkeiten – des Terrors – bedient. Islamistische oder Terror-Gruppen inszenieren Widerstand gegen ein übermächtiges, ein fremdes und entfremdendes System der Herrschaft und Ausbeutung[2]. Ohne auch nur im mindesten ihre Methoden gutzuheißen, sollten wir ernstnehmen, was sie an Gesellschaftskritik mit teils erschreckendem Erfolg vorleben.

Endgültige weltweite Berühmtheit erlangte Boko Haram mit der Entführung von 276 Schülerinnen im April 2014 aus einer Sekundarschule in Chibok, im nordöstlichen nigerianischen Bundesstaat Borno[3]. Laut Unicef sind 174 der Chibok-Mädchen bis zum heutigen Tag abgängig[4]. Im Februar 2018 ließ Boko Haram die Entführung von 110 Schülerinnen aus einem College in Dapchi im benachbarten Yobe State folgen[5]. Fünf der Mädchen kamen noch am selben Tag um, die restlichen wurden im März 2018 freigelassen, nur Leah Sharibu nicht, denn sie weigerte sich beharrlich, zum Islam überzutreten. Die Eltern der Freigelassenen wurden gewarnt, die Mädchen ja nicht wieder einzuschulen.

Boko Haram stammt aus dem Bundesstaat Borno und beschränkte seine Attacken zumeist auf den Nordosten Nigerias[6], seit 2013 sind kamerunische, nigrische und tschadische Gebiete rund um den Tschad-See dazugekommen. In den vergangenen Monaten hat eine Reihe von Entführungen aus Schulen in Nordwest-Nigeria stattgefunden. Zumindest für die erste davon hat Boko Haram die Urheberschaft beansprucht[7]. Stehen wir am Anfang einer neuen Phase der Expansion der jedenfalls zu Unrecht totgesagten Terrorgruppe?

(weiterlesen auf https://www.africalibre.net/lang/deutsch/startseite.php?page=2)

* * *

Endnoten:

[1] Siehe dazu meinen vorwöchigen Artikel “Der Tschad, der Sahel, Barkhane – die Waisen Idriss Déby Itnos“.

[1a] Ich meine freilich nicht die spektakulären Anschläge, die – oft in großen Städten – viele Opfer fordern und es in die internationalen Medien schaffen, ich meine den Alltag dort, wo die sich des Terrorismus und Islamismus bedienenden Gruppen das Leben mitbestimmen.

[2] Das dem Artikel vorangestellte Foto zeigt einen Tanz der Frauen des Shehu, des weltlichen und geistlichen Herrschers von Borno, 1910 oder 1911. Aus Adolf Friedrich, From the Congo to the Niger and the Nile: an account of The German Central African expedition of 1910-1911, London (Duchworth) 1913, zugeschnitten und überarbeitet von GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dance_of_the_Bornu_women.jpg.

[3] Insbesondere unter dem Hashtag #bringbackourgirls engagierte sich viel Prominenz für die Freilassung der Jugendlichen, bis hin zu Michelle Obama.

[4] Shola Lawal, Nigeria school abductions: Why are schoolchildren being kidnapped? BBC 19.3.2021, https://www.bbc.com/news/av/world-africa-56451260. Erst Ende Jänner 2021 hatten ein paar der Chibok-Mädchen Kämpfe nützen können, um zu fliehen. Siehe Mayeni Jones, Kidnapped Chibok schoolgirl ‘has escaped’ – father, BBC Africa Live 29.1.2021 um 10h09.

[5] Government Girls’ Science and Technical College. Entführung 19.2.2018, Freilassung 21.3.2018.

[6] Die große Ausnahme war der Angriff auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen in der nigerianischen Hauptstadt Abuja am 26. August 2011 mit 23 Toten und über 100 Verletzten.

[7] Das klingt aufs Erste wie ein Hirngespinst, das nur dazu dient, sich Größe anzudichten, könnte jedoch durchaus wahr sein. Vgl. u.a. Malik Samuel, Boko Haram teams up with bandits in Nigeria. The violent extremist group is actively building alliances with gangsters as part of its expansionist agenda, ISS 3.3.2021, https://issafrica.org/iss-today/boko-haram-teams-up-with-bandits-in-nigeria.

Kriminelle und aus hehren ideologischen Gründen agierende TerroristInnen sind vielleicht so grundverschieden nicht. Siehe dazu Hobsbawms Begriff des Sozialen Banditentums (z.B. Robin Hood oder Phoolan Devi). Dieser Aspekt wird kurz angerissen im Unterkapitel “Les angles morts“, pp.216f in Melchisedek Chétima, Comprendre Boko Haram à partir d’une perspective historique, locale et régionale, Canadian Journal of African Studies/Revue canadienne des études africaines, Bd.54 (2020) Nr.2, pp.215-227, https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00083968.2019.1700814.

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